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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 5.217
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #1
Zitate
In seiner inzwischen über 700-jährigen Geschichte hat das Sonett Freunde und Feinde erfahren wie wohl keine andere abendländische Gedichtform. Einige, teils aufschlußreiche, teils witzige Einlassungen möchte ich in loser Folge hier einstellen.

Wenn Euch auch irgendwo Zitate zu Sonetten begegnen, nur her damit!

Goethe hat sich zunächst schwer getan mit der Form, in der er "öfter leimen müsse, statt aus ganzem Holz zu schnitzen." und doch hat er einige mustergültige Sonette zustandegebracht, was ihm unter anderem ein Spottsonett von Voß, dem Übersetzer von Tausendundeiner Nacht, eingebracht hat:

Zitat:An Goethe

Auch du, der, sinnreich durch Athene's Schenkung,
Sein Flügelroß, wanns unfügsam sich bäumet,
Und Funken schnaubt, mit Kunst und Milde zäumet,
Zum Hemmen niemals, nur zu freyer Lenkung:

Du hast, nicht abhold künstelnder Beschränkung,
Zwey Vierling' und zwey Dreyling' uns gereimet?
Wiewohl man hier Kernholz verhaut, hier leimet,
Den Geist mit Stümmlung lähmend, und Verrenkung?

Laß, Freund, die Unform alter Truvaduren,
Die einst vor Barbarn, halb galant, halb mystisch,
Ableierten ihr klingelndes Sonetto;

Und lächle mit, wo äffische Naturen
Mit rohem Sang' und Klingklang' afterchristisch,
Als Lumpenpilgrim, wallen nach Loretto.


Voß stand alles andere als allein mit dieser Meinung, und so sind zwei Briefe von Goethe überliefert in denen er, der sich selbst in anderen Formen sicherer fühlte, genötigt sah das Sonett zu verteidigen:


aus dem Brief an Cotta
vom 9. April 1808
Zitat:...Daß die Redacteure Ihres Morgenblattes, die doch sonst verständige zu seyn scheinen, auch es in manchen Punkten ganz läßlich nehmen, in anderen, wie z. B. gegen das Sonett, eine so komische Aversion beweisen, ist mir unbegreiflich. Als wenn dem Genie und dem Talent nicht jede Form zu beleben freystünde. Ich habe ein halb Dutzend Sonette von verschiedenen Freunden, die mir sehr wohl gefallen, in andere Blätter gegeben, da ich sehe, daß auch in diesem Jahre jene wunderliche ausschließende Aversion bey ihnen fortdauert ...

und an Zelter im gleichen Jahr:

Zitat:... Wenn Ihnen das Vossische Sonett zuwider ist, so stimmen wir auch in diesem Puncte völlig überein. Wir haben schon in Deutschland mehrmals den Fall gehabt, daß sehr schöne Talente sich zuletzt in den Pedantismus verloren. Und diesem geht’s nun auch so. Für lauter Prosodie ist ihm die Poesie ganz entschwunden.

Und was soll es nun gar heißen, eine einzelne rhythmische Form, das Sonett z. B., mit Haß und Wuth zu verfolgen, da sie ja nur ein Gefäß ist, in das jeder von Gehalt hineinlegen kann was er vermag. Wie lächerlich ist’s, mein Sonett, in dem ich einigermaßen zu Ungunsten der Sonette gesprochen, immer wiederkäuen, aus einer ästhetischen Sache eine Parteysache zu machen und mich auch als Parteygesellen heranzuziehen, ohne zu bedenken, daß man recht gut über eine Sache spaßen und spotten kann, ohne sie deswegen zu verachten und zu verwerfen...


Tatsächlich waren die Anfeindungen gegen das Sonett nicht immer rational. Eher sind sie wohl als Reaktion aufzufassen auf die Lobgesänge, die das Sonett zur Königsdisziplin erheben. Goethe nimmt hier eine sehr gelassener Position ein wie wir sie zum Beispiel auch von John Dovaston aus unserem Anthologie-Projekt kennen:

http://www.sonett-archiv.com/forum/showt...hp?tid=636

In diesem Sinne,
weiterhin frohes Schaffen.

ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 31.07.2009 06:51 von ZaunköniG.)
03.05.2009 08:09
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