Antwort schreiben 
 
Themabewertung:
  • 0 Bewertungen - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Von den Gattungsgrenzen
ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
****

Beiträge: 5.220
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #1
Von den Gattungsgrenzen
In der Literaturwissenschaft, überhaupt bei den Geisteswissenschaften haben wir es nicht mit Naturgesetzen zu tun, sondern mit Kanon und Tradition. Menschengemachte Kategorien, die andernorts und zu anderen Zeiten ganz anders aussehen können.


Im Sonett gelten Petrarka- und Shakespeare-Typ als tradiert.

Vergleichen wir einmal:

Petrarca:

abba abba cdc dcd
abba abba cde cde
abab abab cdc dcd
abab baba cde cde

Shakespeare:

abab cdcd efef gg


So sieht man deutlich die Unterschiede

Eine 4-4-3-3 Aufteilung bei Petrarca
eine 4-4-4-2 Aufteilung bei Shakespeare

gleiche Endungen in den Quartetten bei Petrarka
wechselnde Reime bei Shakespeare.

Während Petrarkas Sonette einen dialektischen Aufbau begünstigen,
tendiert das Shakespeare-Sonett zur erzählenden, baladesken Form.


Welche Merkmale binden nun diese beiden Gedichttypen gemeinsam in das Gattungsmuster Sonett?

beide haben 14 Zeilen,
beides sind Reimgedichte.
beide haben ein gleichmäßiges Versmaß. (alle Zeilen gleich lang)

ist das schon alles?

Im Gegensatz zu anderen mehrstrophigen Gedichten zerfällt das Petrarca-Sonett in ungleiche Teile. Auch das Shakespeare-Sonett enndet mit einer Kurzstrophe, dem Couplet. Kommt man damit dem Wesen des Sonettes auf die Spur? Schon die Strophengliederung ist nicht allgemein anerkannt. Manche sehen auch bei Petrarca eine 8-6 Aufteilung, oder gar eine geschlossene Form, bzw. eine 14-zeilige Kanzonenstrophe. Von der Entstehungsgeschichte her betrachtet ist das auch gar nicht so abwegig, und wenn wir uns z. B. Spenser ansehen mit seinem Schema

abba bccb cddc dd,

so verschmelzen die Strophen, ähnlich einem Terzinen-Gedicht! Auch seinen Versen wurde die Gattungszugehörigkeit zum Sonett nie abgesprochen. Vielleicht nur deshalb, weil sie früh genug entstanden sind, als die Form noch nicht fest durchdefiniert war? Sei es drum: Nun stehen sie da, fest etabliert im Kanon und erschweren eine klare Abgrenzung der Form.



Nehmen wir zum Beispiel Eugen Onegin, einen Versroman von Puschkin.
Er ist durchgängig in 14-Zeilern geschrieben, die auch durchgängig das selbe Versmaß und Reimschema aufweisen. Eine zufällige Abfolge können wir hier also ausschließen. Aber sind es Sonette? Puschkin selbst hat sich meines Wissens nicht dazu geäußert. Ich nehme an die Frage interessierte ihn nicht. Wir können uns hier also nicht auf Argumente und Einwände des Autoren stützen, brauchen aber auch keine Sorge haben, einem Dichterfürsten zu widersprechen...

Ich möchte die Frage jetzt nicht abschließend beantworten, vielleicht kann man das auch gar nicht, aber eine Diskussion befördert vielleicht den bewußten Umgang mit der Form.



Ich stelle also zur Diskusion:


Puschkin: Eugen Onegin

Am Beispiel der ersten Strophe des ersten Buches


"Mein Onkel tut sehr brav und bieder,
Jetzt plötzlich sterbenskrank zu sein:
So schätzt man ihn doch einmal wieder;
Gescheitres fiel ihm selten ein.
Sein Beispiel - andern eine Lehre!
Wenn nur, o Gott, die Qual nicht wäre,
Vom siechen Greis bei steter Wacht
Nicht loszukommen Tag und Nacht!
Und diese Last gemeinster Pflichten:
Solch halbem Leichnam beizustehn,
Mit Arzenei zur Hand zu gehn,
Wehleidig ihm sein Pfühl zu richten -
Da seufzt man wohl und denkt für sich:
Wann endlich holt der Teufel dich!"

(Übersetzung von Th. Commichau)
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 22.05.2018 14:16 von ZaunköniG.)
31.01.2007 13:53
Webseite des Benutzers besuchen Alle Beiträge dieses Benutzers finden Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Antwort schreiben 




Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste