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Medusa III. - Perseus
ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
****

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Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #1
Medusa III. - Perseus
Medusa

Sonettenkranz 3: Perseus


I.

Ein Sieg hat bisher jedem Recht gegeben;
er wird der Welt ein helles Beispiel senden.
Man sieht’s ihm an: im Blick, im Griff, den Lenden,
nicht wie andre nur darin ergeben,

wie die Parzen ihm die Fäden weben.
Greif von deinem Glück mit vollen Händen;
in solchen Heldenmythen und -legenden
wird er tausendjährig weiterleben.

So zeigt er sich, so wurd er Held, und wer Zeus
so gefällt, dem wächst wohl Mut wie Perseus;
hell strahlend war sein Stern hoch aufgegangen.

Und was andre Sterbliche nicht schaffen,
das verleihn ihm gottgeliehne Waffen.
Was ist mit der Geschichte anzufangen?
II.

Was ist mit der Geschichte anzufangen?
Ein Held, ein Mythos und ein Trümmerhaufen:
Ist die Kampagne erst mal angelaufen,
auf das Geleis, auf das die Götter drangen,

dann glauben manche Recken auch, sie schwangen
sich aus eignen Kräften auf, verkaufen
und verraten sich die Menschen, laufen
doch am Gängelband. Und alle bangen

um ihren Platz in einer Ewigkeit,
den keiner kennt, den andere vergeben.
Man sucht nicht lang nach Legitimationen

Ein Sinn liegt schon allein in hohem Streben;
nur Größtes überdauert seine Zeit:
Ein Kampf um Gut und Böse. Sensationen!
III.

Ein Kampf um Gut und Böse, Sensationen,
Recht und Macht und Eifersüchteleien.
Was einst begann in kleinen Hakeleien
unter Göttern, pflanzt sich in Äonen

fort. Es sind nicht alle Liasonen
schicklich. Und Athenes Streitereien
mit Poseidon, leicht zu prophezeien,
bieten keinen Raum für Konzessionen.

Wenn die Helden erst ihr Herz versteinern,
zeigt sich das Große wie das Häßliche.
Beim Kämpfen mit Titanen und Gorgonen;

wem bleibt noch Zeit, die Sinne zu verfeinern.
Die Tat doch wächst ins Unermeßliche,
um Haß und Eitelkeiten, Obsessionen.
IV.

Um Haß und Eitelkeiten, Obsessionen
ging’s schon oft, - auch anderen. Da war
zum Beispiel einer, nun, es ist nicht klar
wie’s lief, doch spürt man seine Aggressionen

deutlich nach. Der Kampf sollt sich nicht lohnen.
Verbittrung drüber, - nicht, was ihm geschah,
nein, ganz im Gegenteil: Kein gutes Haar
läßt er an denen, die gefällig thronen

über dem Geschehn, wie unbeteiligt
plaudern vom einmaligen Erlebnis.
Wie sich die Ziele hoch und höher schwangen!

Wie man sich selbst und seine Taten heiligt!
Steif und häßlich sieht er auf’s Ergebnis,
steinig harte Blicke, kalte Wangen.
V.

Steinig harte Blicke, kalte Wangen;
am Ergebnis ist die Tat zu wiegen.
Da hat sich wer zu Größerem verstiegen,
die eigne Tugend zu hoch aufgehangen.

Voll Zuversicht, und mutig vorgegangen
kam er vor dem Postament zu liegen.
Was zwischen ihnen vorfiel, bleibt verschwiegen.
Und wie sie unsern Künstlern nie gelangen,

erstehn im Katastrophen-Panorama
Bilder. Noch ein Schritt, - Ein Stein erzählt Geschichten:
In jeder Fuge scheint sie anzufangen, -

jede Kante will die Tat vernichten:
So fügt sich sicher Strang für Strang zum Drama.
Man hat sich aneinander schwer vergangen.
VI.

Man hat sich aneinander schwer vergangen; -
man gibt einander Recht: Ein Gleichgesinnter
wiegt mehr als jedes Argument, und hinter
guter Absicht, Konsens und dem langen

Marsch hockt Angst, beizeiten abgefangen
sein zu können. – Früh genug faßt Winter
dir ins Blut, das stockt, und Kieselsinter
wächst, wo Lösung war. Dort angefangen,

wo ein Ziel geglaubt war, wächst nur Totes.
Fühlung wird ersehnt, - und Reaktionen,
jedoch am andern Ende deines Lotes

beißt dir wer den Faden ab. Stationen: -
Du erinnerst, all dir Angedrohtes;
viele nährten ihre Illusionen.
VII.

Viele nährten ihre Illusionen,
wurden oft und gern darin bestärkt,
am Rande sei dazu nur angemerkt,
wie gern wir selber unsern Träumen fronen.

Die sogenannten Zivilisationen
bauen nur auf solchen Träumen auf. Verbergt
nicht Ehrgeiz, Stolz und Mut. Ob’s jemand merkt
und anerkennt? Die Illuminationen

unsrer Helden sind die kleinen Lichter,
die sich um den Einzelkämpfer scharen.
Sie begründen Kult und Traditionen.

Die Gläubigen sind unsres Lebens Richter;
verehren einen, andren aber waren
hart und unverdaulich die Lektionen.
VIII.

Hart und unverdaulich die Lektionen,
eingelassen in Basalt und Quarzen;
wieviel angenehmer sind die Parzen,
die im Amt nicht strafen oder schonen.

Das Volk braucht Helden: Auswahl aus Millionen,
herausgehoben aus Vergessens schwarzen
Tüchern, weiht, beim Rauch von süßen Harzen,
aufbereitet für die Epigonen,

das Schicksal einem nur das große Los.
Zum Opfer ausersehn war die Meduse.
Andre wählen sie zu ihrer Muse,

doch, die neue Rolle, grausam, groß,
hat man ihr heldenfreundlich angehangen.
Viele glaubten, daß sie sie bezwangen.
IX.

Viele glaubten, daß sie sie bezwangen,
als Held gefeiert schon und aufgewiegelt,
daß man der Bestie Tür und Tor verriegelt:
Tötet sie! Daß sie sie niederrangen,

war beschlossen. Ewig sei versiegelt
ihr Blick, der schon so viele eingefangen.
Ihr Haupt, um das sich wilde Locken schlangen,
abgeschlagen, Doch - ihr Auge spiegelt.

Da hat sich jedem Herz und Hand versteift,
und sie erstarrten, als ihr Blick sie streift;
sie sahn den Haß, der ihr entgegenschlägt.

Kein Wort mehr, irgendwas und –wen zu rächen;
nur wenn’s ein Windhauch ihm entgegenträgt,
hört er vielleicht ein kaltes Steinherz brechen.
X.

Hört er vielleicht ein kaltes Steinherz brechen?
Ne Marmorstatur, stolz die Brust geschwellt,
weist taub und blind hinauf zum Himmelszelt.
Nicht nur: Mit Torsi übersäet die Flächen,

die gekippt. Die Zeit weist allen ihre Schwächen.
Ein Stein ist sprachlos in die Welt gestellt.
Nur Kies, der aus den Augenwinkeln fällt,
betrügt ihn, tut, als wollt er zu ihm sprechen.

Ein andrer (Namen sind nicht überliefert)
hält sein Schwert ihr hin, wie eine Rose.
Sein Blick türkis, die Haut braun überschiefert;

Die Augen sagen gar nichts, doch geweitet
ist der ganze Mann in offner Pose. –
Sie bleiben stumm, da er es eh bestreitet.
XI.

Sie bleiben stumm, da er es eh bestreitet.
Er hat ne Wahrheit, die sich selber trägt,
doch was sich ihnen auf die Haut geprägt,
was Maße und Gewichte überschreitet,

was sich auf ihnen steinig niederschlägt,
das sah er nie. Als Triumphator schreitet
er vom Schlachtfeld, stolz, und nie entgleitet
ihm sein Denken oder Wollen, wägt

er anders, als mit eignem Maß. Nie bat
er für sich Beistand aus. Mit Mut und List
gewinnt er, und die Leute stehn daneben,

versteinern vor dem Angesicht der Tat.
Egal; er weiß, was gut und richtig ist –
gut, - Das heißt zunächst mal: Überleben!
XII.

Gut, das heißt zunächst mal: Überleben!
Mit Mut voran, die Feinde ausgemerzt!
(denn mutig meint er, spricht er von beherzt)
Den ihren solln die Götter alles geben.

Mancher Zeuge mag dem widerstreben,
doch das Kapitel ist schon längst geschwärzt.
Naiv; - den Einwand hat er leicht verschmerzt;
die sind mit Zwängen, wie von Stein umgeben.

Manch andrem wächst der Stein von innen her,
und sieht doch schön und so lebendig aus.
Man sieht den Helden fremden Lohn verzechen.

Er preist die Greueltat als groß und hehr,
und die Betrognen spenden noch Applaus.
Als Sieger kann er für sich selber sprechen.
XIII.

Als Sieger kann er für sich selber sprechen:
Er selbst diktiert der Nachwelt die Geschichte.
Man glaubt ihm, mangels anderer Berichte.
Kein graues Haar, kein Zweifel, keine Schwächen

bleiben stehn, und willst du dich erfrechen
andres zu behaupten, dann verzichte.
Keiner will es hören. Wer im Lichte
steht, verkauft sich leicht, und das Verbrechen

wird zur Heldentat glorifiziert.
Recht und Gesetz sind auch nur Konventionen.
Wessen Wort die Massenmeinung leitet,

hat zuletzt noch immer triumphiert.
Die eigene Moral gilt ’s zu betonen,
mit kühlem Kopf und bestens vorbereitet.
XIV.

Mit kühlem Kopf und bestens vorbereitet,
tritt er vor die Menge und erhebt
das Wort. Zwei Sätze und die Menge bebt.
Auch wenn die Stunde zum Erzähln verleitet;

die Nachricht hat sich längst im Volk verbreitet,
daß das Ungeheuer nicht mehr lebt.
Ein Schritt für ihn, der noch zu Höhrem strebt;
Ein Mann der Tat, der fest die Seinen leitet.

„Nun trinkt! Gebt mir den Kelch, ich scheu nicht Gift
noch Galle. Laßt mich die Trophäe heben“,
und lud den Herrscher sich zum Tribunal,

auf daß er den Tyrannen übertrifft;
„Ich nenne euch die gültige Moral:
Ein Sieg hat bisher jedem Recht gegeben!“
XV.

Was ist mit der Geschichte anzufangen?
Ein Kampf um Gut und Böse; Sensationen,
um Haß und Eitelkeiten, Obsessionen.
Steinig harte Blicke, kalte Wangen; -

man hat sich aneinander schwer vergangen.
Viele nährten ihre Illusionen,
hart und unverdaulich die Lektionen:
Viele glaubten, daß sie sie bezwangen.

Hört er vielleicht ein kaltes Steinherz brechen?
Sie bleiben stumm, da er es eh bestreitet.
Gut, das heißt zunächst mal: Überleben!

Als Sieger kann er für sich selber sprechen,
mit kühlem Kopf und bestens vorbereitet. –
Ein Sieg hat bisher jedem Recht gegeben!

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 14.01.2010 18:01 von ZaunköniG.)
24.01.2009 00:27
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