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Maximilian Woloschin: Corona Astralis - Magistrale
ABC1803 Offline
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Beitrag #1
Russland Maximilian Woloschin: Corona Astralis - Magistrale
Also:

В мирах любви — неверные кометы —
Закрыт нам путь проверенных орбит!
Явь наших снов земля не истребит, —
Полночных солнц к себе нас манят светы.

Ах, не крещён в глубоких водах Леты
Наш горький дух, и память нас томит.
В нас тлеет боль внежизненных обид —
Изгнанники, скитальцы и поэты!

Тому, кто зряч, но светом дня ослеп, —
Тому, кто жив и брошен в тёмный склеп,
Кому земля — священный край изгнанья,

Кто видит сны и помнит имена, —
Тому в любви не радость встреч дана,
А тёмные восторги расставанья!


Август 1909
Коктебель


Insgesamt ist es ein ausgesprochen durchschnittlich klingendes Gedicht (was auch verstaendlich ist, wegen der technischen Schwierigkeiten der nachfolgenden Kranz-Sonette).

Als „gute“ Zeilen darf man bezeichnen:

Кому земля — священный край изгнанья,

nicht schlecht auch:

В нас тлеет боль внежизненных обид —

sowie die beiden letzten:

Тому в любви не радость встреч дана,
А тёмные восторги расставанья!


Und als bemueht und eher unglaubwuerdig klingen die Zeilen:

Ах, не крещён в глубоких водах Леты
Наш горький дух, и память нас томит.
(ziemlich banal, ausgedacht und eigentlich eher dumm)

sowie

Тому, кто зряч, но светом дня ослеп, —
Тому, кто жив и брошен в тёмный склеп,
(man versteht sofort, dass der Autor so was nur aus den technischen Noeten her schreiben kann - denn inhaltlich ist es leer und trivial)


UND NUN DIE EIGENTLICHE UEBERSETZUNG
(mit achs und krachs, natuerlich):


В мирах любви — неверные кометы —

In den Welten der Liebe ( sind) wir (wie) die unsicheren Kometen (Variante: untreue Kometen)
(Im Russischen klingt die Zeile grammatikalisch unklar)

Закрыт нам путь проверенных орбит!

Geschlossen wird (moeglich auch: wurde) fuer uns der Weg der geprueften (moeglich auch: gesicherten) Orbits)
(Im Russischen klingt die Zeile grammatikalisch normal)

Явь наших снов земля не истребит, —

Die Wirklichkeit (oder: Wahrheit, Echtheit) von unseren
(Schlaf-)Traeumen kann die Erde nicht vernichten (ausrotten), -- bzw. durch die Erde nicht vernichtet werden. Im Russischen ist es eigentlich ein klarer Satz, ohne deutsche Doppel-Interpretationen.
(Im Russischen klingt die Zeile grammatikalisch normal)

Полночных солнц к себе нас манят светы.
Die Mitternachts-Sonnen locken uns zu sich mit (durch) ihr Licht (eigentlich: Lichter, wobei das russische Wort „светы“ eher ungewoehnlich-poetisch klingt, denn das Wort wird meistens nur im Singular verwendet).
(Im Russischen klingt die Zeile grammatikalisch eher dubios)


Ах, не крещён в глубоких водах Леты
Ach, getauft wurde nicht in dem tiefen Gewaesser
(russisch: in den „Waessern“, - das ist eine normale russische Form) der Lethe
(Im Russischen klingt die Zeile grammatikalisch normal, - inhaltlich aber falsch und anmassend: Denn die Christen haetten ja mit der "Lethe" rein gar nixx zu tun)


Наш горький дух, и память нас томит.
Unser bitter(er) Geist, und das Gedaechtnis quaelt uns (bzw: erdrueckt uns, das russsische „томит“ darf
auch mit der dt. „Sehnsucht“ oft interpretiert werden)
(Im Russischen klingt die Zeile grammatikalisch normal)

В нас тлеет боль внежизненных обид —
In uns gaert (bzw. glimmt, scwelt, leuchtet) der Schmerz der Ausser-Lebens-Aerger (bzw. Kraenkungen).
Das russische внежизненных обид klingt eher kuenstlich, - wenn schon durchaus verstaendlich. Trotzdem ist es keine „normale“ russische Fuegung.
(Im Russischen klingt die Zeile eher gewagt)

Изгнанники, скитальцы и поэты!
(Denn wir sind halt die) Vertriebenen (moeglich auch: Exilanten), Wanderer und Dichter!
(Im Russischen klingt die Zeile grammatikalisch normal)


Тому, кто зряч, но светом дня ослеп, —
Demjenigen, der sehen kann, aber erblindet durch das Licht des Tages
(Im Russischen klingt светом дня ослеп ungewoehnlich, eher biblisch-erhoben. Eigentlich darf man so was nicht sagen, - denn durch das „Licht des Tages“ kann man nicht erblinden, - also der Autor erwartet hier vom Leser, dass der ihm diese Schlamperei goennen wuerde)
(Im Russischen klingt die Zeile unnatuerlich)

Тому, кто жив и брошен в тёмный склеп,
Demjenigen, der lebt und (moeglich auch: aber) in die
dunkle Gruft (moeglich auch: Kerker) geworfen wurde
(Im Russischen klingt die Zeile zwar grammatikalisch korrekt - aber nicht ueberzeugend)


Кому земля — священный край изгнанья,
Demjenigen, fuer wen ist (bzw.: wurde) die Erde zu einem heiligen Land des Exils (bzw. Exodus, Austreibung etc)
(Im Russischen klingt die Zeile pathetisch, aber grammatikalisch normal)

Кто видит сны и помнит имена, —
Demjenigen, der die Traeume sieht (aber nicht traeumt, denn die russsischen сны sieht man eben im Schlaf, - und fuer die dt. Traeumereien gibt es ein anderes Wort)
und wer sich an die Namen erinnert
(Im Russischen klingt diese Zeile normal)


Тому в любви не радость встреч дана,
Fuer diesen Menschen (eigentlich: Mann, denn grammatikalisch ist
es eine maennliche Form) gibt es keine Freude der Treffen (bzw. Begegnungen,-- im Russischen gibt es dafuer keinen Unterschied)
(Im Russischen klingt diese Zeile normal)

А тёмные восторги расставанья!
Sondern die dunklen Begeisterungen (bzw. dunkler Jubel, aber im Plural) des Abschied(Nehmens)
(Im Russischen klingt diese Zeile normal)


Август 1909, Коктебель

(August 1909, in Koktebel - ein bekannter Kurort am Schwarzen Meer)
04.02.2010 14:39
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #2
RE: Maximilian Woloschin: Corona astralis - Magistrale (RU)
Hallo ABC,

Leider habe ich im Moment noch einige andere Baustellen zu betreuen, so daß ich hier nicht so schnell voran komme, wie ich es wünsche, aber ich stelle die beiden Quartette schon mal ein:


In Liebesdingen gleichen wir Kometen,
beständig ziehend auf geschlossner Bahn.
Der Wahrheit hat die Wirklichkeit nichts an.
Wir, die wir zu den Mittnachtsonnen beten,
wir wurden nicht getauft im Nass der Lethe:
Der Geist muß sich mit den Gedanken quälen,
mit Schmerzen, Kränkungen, die in uns schwelen,
den Wanderern, Vertriebenen, Poeten.


Welches Metrum hat das Original? Ich habe für die Nachdichtung einen 5-hebigen Jambus gewählt, das übliche Versmaß im Deutschen, habe aber meine Not alle Infos unterzubringen.

Kann man die extrem langgezogenen Kometenbahnen als Allgemeinwissen voraussetzen, um sich das Bild zu erschließen oder muß das "untreu" noch rein?

Die Zeile 3 verstehe ich nicht so ganz. Ist da wirklich unsere Erde gemeint? oder eher die "Welt" die auch den realen physischen Kosmos meinen kann. Das machte für mich eher Sinn.

In Zeile 4 habe ich mir mit "beten" eine Freiheit erlaubt, von der ich nicht weiß ob das noch zulässig ist. Das hängt dann auch davon ab, wie die Zeile im entsprechenden Kranzsonett eingebettet ist. Notfalls müßte man hier den Vierfachreim aufgeben, obwohl sich die Kometen ja geradezu aufdrängen.

Zeile 5: Die Christen haben die Taufe nicht erfunden, sondern aus der Glaubenspraxis einiger jüdischer Strömungen übernommen, (Johannestaufe) insofern geht es für mich in Ordnung, wenn der Begriff Taufe auch für andere Arten ritueller Reinigung verwendet wird. Es muß nur aus dem Kontext klar werden, daß hier nicht die christliche Taufe gemeint ist.

Zeile 9:
Zitat:Тому, кто зряч, но светом дня ослеп, —
Demjenigen, der sehen kann, aber erblindet durch das Licht des Tages
(Im Russischen klingt светом дня ослеп ungewoehnlich, eher biblisch-erhoben. Eigentlich darf man so was nicht sagen, - denn durch das „Licht des Tages“ kann man nicht erblinden, - also der Autor erwartet hier vom Leser, dass der ihm diese Schlamperei goennen wuerde)
(Im Russischen klingt die Zeile unnatuerlich)

Im Deutschen zumindest hat "blind" den selben Wortstamm wie "geblendet" und Eulen z.B. als Nachtaktive können gerade wegen ihrer hohen Sehschärfe kaum bei Tageslicht sehen. In diesem Fall geht es wohl um den Träumer, der die Traum-Wirklichkeit als die Wesentliche ansieht, die aber vom Tageslicht überstrahlt wird, so daß er für den Traum erblindet. Einen gewissen Widerspruch sehe ich da allerdings zu Zeile 3.

Zeile 12: Wenn er den Träumen eine Wirklichkeit zugesteht, kann man sie vielleicht mit Vision übersetzen.

Zeile 13:
Der Zyklus ist einer Frau gewidmet, insofern würde ich hier die männliche Version plausibel finden, wenn er sich ihr erklärt.

Zeile 14 ist mir inhaltlich nicht klar.
Sich wieder zu entfernen, also Abschied nehmen, liegt in der Natur des Kometen, insofern bleibt er im Bild, aber wo kommt der Jubel her?
Ist es ein "feierliches" Abschiednehmen in der Gewissheit der Wiederkehr, oder ein ebenso feierliches Opfer? "Jubel" scheint mir hier nicht hinzugehören.


Wenn manche Stellen grammatisch etwas ungelenk sind, muß man das in Übersetzung nicht unbedingt nachbilden. Da ich in der deutschen Sprache die gleichen schwierigkeiten habe, wird sich die ein oder andere Unebenheit ganz von selbst einschleichen...

LG ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 07.02.2010 10:17 von ZaunköniG.)
06.02.2010 10:30
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ABC1803 Offline
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Beitrag #3
RE: Maximilian Woloschin: Corona astralis - Magistrale (RU)
Hallo ZaunKoenig!

Nun also, - Du hast es durchaus ueberzeugend gemacht!

Melodisch klingt deine Nachdichtung dem russischen Text sehr aehnlich! Metrisch hast Du fast immer auch recht, denn bei Woloschin ist eine uebliche sonettische Metrik: 11 Silben – 10 Silben- 10 Silben -11 Silben, etc. (Sorry, ich weiss nicht, wie man es „wissenschaftlich“ nennt…)

Und mit der Betonug ist`s bei dem Russen auch ziemlich klassisch. Unten mache ich im Texte die betonten Stellen gross und lateinisch, damit Du es besser sehen koenntest.

Ich versuche jetzt, die beiden Texte zu vergleichen:

w мирAх любвI — невEрные комEты —
zакрYт нам пUть провEренных орбIт!
JAвь нAших снOв земл`A не истребIт, —
pолнOчных сOлнц к себE нас мAнят свEты.

Ах, не крещOн в глубOких вOдах лEты
nаш гOрький дух, и пAмять нас томIт.
w нас тлEет боль внежIзненных обIд —
изгнAнники, скитAльцы и поEты!


In Liebesdingen gleichen wir Kometen,
beständig ziehend auf geschlossner Bahn.
Der Wahrheit hat die Wirklichkeit nichts an.
Wir, die wir zu den Mittnachtsonnen beten, --SEHR GUT!


wir wurden nicht getauft im Nass der Lethe:
Der Geist muß sich mit den Gedanken quälen,
mit Schmerzen, Kränkungen, die in uns schwelen,
den Wanderern, Vertriebenen, Poeten.


Deine Reime gefallen mir gut - und Du braeuchtest sie ja auch fuer die weiteren Sonette!

Hier sind also meine - rein inhaltlichen- Korrekturen „innerhalb“ von Deinen Zeilen, damit sie etwas naeher zu dem russischen Text waeren:


In Liebeswelten gleichen wir Kometen,
wir wandern ohne die gepruefte Bahn.
Wir traeumen wahr, - die Erde geht`s nichts an-
Wir, die wir zu den Mittnachtsonnen beten.

Man taufte uns nicht im Abgrund Lethe:
Der Geist muß sich mit dem Gedaechtnis quälen
Und nicht die Lebens-Schmerzen sind, die schwelen,
In Wanderern, Vertriebenen, Poeten.

NOTA BENE: Deine zweite Strophe entspricht, reimisch gesehen, dem Original nicht. Die 6. Und 7. Zeilen muessen sich ja mit „Bahn“ und „an“, aus der 1. Strophe, (zusammen)reimen.
Aber Du weisst es auch ohne mich, stimmt?


Weitere Bemerkungen (Deine Fragen mit meinen Antworten):

Die Zeile 3 verstehe ich nicht so ganz. Ist da wirklich unsere Erde gemeint? oder eher die "Welt" die auch den realen physischen Kosmos meinen kann. Das machte für mich eher Sinn.

-------Nein, er meinte wohl wirklich die „Erde“ – als eine Art „Anti-Thesin“ (bzw. „Anti-Podin“) zu den „Kometen“. Uebrigens: die Erde ist auch im Russischen weiblich, wobei der „Komet“ - merkwuedigerweise!-- nicht maennlich (wie im Deutschen) ist, sondern auch nur weiblich ist (eine maennliche Form fuer die russische „Kometa“ ist einfach unmoeglich).

In Zeile 4 habe ich mir mit "beten eine Freiheit erlaubt, von der ich nicht weiß ob das noch zulässig ist.

----------Sehr gut gemacht! Absolut im Russischen Stil!

Notfalls müßte man hier den Vierfachreim aufgeben, obwohl sich die Kometen ja geradezu aufdrängen.

-------Was die Technik angeht – hier schweige ich lieber...


Zeile 5: Die Christen haben die Taufe nicht erfunden, sondern aus der Glaubenspraxis einiger jüdischer Strömungen übernommen, (Johannestaufe) insofern geht es für mich in Ordnung, wenn der Begriff Taufe auch für andere Arten ritueller Reinigung verwendet wird. Es muß nur aus dem Kontext klar werden, daß hier nicht die christliche Taufe gemeint ist.

-------Hier hast Du natuerlich recht,- aber leider nur fuer Deutschland und den dt. Kontext.
Und im Russischen heisst es eigentlich gar nicht „taufen“, -- sondern (buchstaeblich uebersetzt): „kreuzigen“. Denn die russische Taufe hat sehr direkt mit dem Wort „krest“ (also: Kreuz) zu tun, - und nicht mit "Wasser" (uebrigens: ein schmerzliches Thema in der russischen Geschichte).

Und umgekehrt: wenn die Deutschen ueber den „gekreuzigten“ Jesus reden, - verstehen die Russen das eigentlich nicht. Denn die „Kreuzigung“ Christi nennt man im Russischen mit dem Wort „raspiatije“, - die historisch gar nichts mit einem Kreuz zu tun hat, sondern mit einem anderen, uralten und jetzt kaum gebraeuchlichen, kirchenslawischen Verb (und rein aeusserlich betrachtet sieht es eher dem Wort fuer „fuenf“ aehnlich aus)

Also: Deine Vergleiche mit der juedischen Tradition sind fuer die Russen irrelevant, -- denn eine „Taufe“ kann, darf, soll man in Russland NUR im christlichen Sinne verstehen. (Geschweige schon, dass die alten Russen, unter den „heiligen“ Zaren, - leider!- meistens ausgesprochen antisemitisch waren).

Aber natuerlich hast Du letzten Endes recht: das russische Wort fuer „Taufe“ darf man JETZT auch in einem nicht-christlichen Kontext (meinetwegen auch atheistischen) verwenden. Es bleibt aber immer mit einem „Kreuz“ verbunden, - ob man das will oder nicht…


Zeile 9:

Zitat:
Тому, кто зряч, но светом дня ослеп, —
Demjenigen, der sehen kann, aber erblindet durch das Licht des Tages (Im Russischen klingt светом дня ослеп ungewoehnlich, eher biblisch-erhoben. Eigentlich darf man so was nicht sagen, - denn durch das „Licht des Tages“ kann man nicht erblinden, - also der Autor erwartet hier vom Leser, dass der ihm diese Schlamperei goennen wuerde)
Im Deutschen zumindest hat "blind" den selben Wortstamm wie „geblendet" und Eulen z.B. als Nachtaktive können gerade wegen ihrer hohen Sehschärfe kaum bei Tageslicht sehen. In diesem Fall geht es wohl um den Träumer, der die Traum-Wirklichkeit als die Wesentliche
ansieht, die aber vom Tageslicht überstrahlt wird, so daß er für den Traum erblindet. Einen gewissen Widerspruch sehe ich da allerdings zu Zeile 3.

--------Er meint wohl eher die „Visionen“ und
die allerlei „Prophezeiungen“ als die „Traeume“.

Zeile 12: Wenn er den Träumen eine Wirklichkeit zugesteht, kann man sie vielleicht mit Vision übersetzen.

-----Jawohl! Genau! Aber noch einmal: Im Russischen „sieht“ man die Traeume, - aber traeumt sie eigentlich nicht. Denn es gibt zwei verschiedene Worte: fuer die „Schlaf-Traeume“ einerseits - und fuer die „einfachen", d.h. die Tages-Traeume. Und Woloschin redet eben ueber die „Schlaf-Traeume“.


Zeile 13:

Der Zyklus ist einer Frau gewidmet, insofern würde ich hier die männliche Version plausibel finden, wenn er sich ihr erklärt.

---------Natuerlich. Freilich, wie gesagt: die russische „Kometa“ ist auch weiblich.


Zeile 14 ist mir inhaltlich nicht klar.
Sich wieder zu entfernen, also Abschied nehmen, liegt in der Natur des Kometen, insofern bleibt er im Bild, aber wo kommt der Jubel her?
Ist es ein "feierliches" Abschiednehmen in der Gewissheit der Wiederkehr, oder ein ebenso feierliches Opfer? "Jubel" scheint mir hier nicht hinzugehören.


----------------Im Russischen heisst es:

Тому в любви не радость встреч дана,
А тёмные восторги расставанья!

Also: „dunkle Begeisterung(en) des Abschied( nehmens)“

Ich meinerseits verstehe es weder als ein "feierliches" Abschiednehmen in der Gewissheit der Wiederkehr“
noch als ein „ebenso feierliches Opfer“.

Ich wuerde es eher auf eine masochistische Art interpretieren: man sei eben „dunkel“ begeistert – durch die eigenen Schmerzen. Denn Woloschin bezieht sich auf die „Kometen“, die sich von der „Erde“ wieder und wieder „verabschieden“ muessen. Das ist ein zwar schmerzlicher Prozess - aber man kann ja halt als ein „Komet“ nicht umher (bwz. umhin)…

Und das ist auch kein Opfer - eben eine „dunkle Begeisterung“, ziemlich genau gesagt.

Viel Glueck!
06.02.2010 13:23
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #4
RE: Maximilian Woloschin: Corona astralis - Magistrale (RU)
Hallo ABC,

Danke für den Ausführlichen Kommentar.
mit den Liebeswelten habe ich meine Schwierigkeiten.
Auch wenn sie wortgetreuer sind, würde ich sie aus stilistischen Gründen nicht im Plural setzen.

Die zweite Zeile hatte ich wohl zunächst falsch interpretiert auf eine geschlossene Elipsenbahn, aber die periodische Erscheinung ist wohl gerade nicht gemeint.

Dein Vorschlag für Zeile 3 gefällt mir gut, würde hier aber erde durch Welt ersetzen um das Apostroph wegzubekommen.

Zur Zeile 5: Im russischen mag das wegen der anderen Semantik ein schiefes Bild sein, aber im deutschen finde ich, passt es ganz gut.
Wörtlich würde ich statt gekreuzigt wohl eher bekreuzigt sagen, aber beides geht mit dem Flußbild nicht zusammen.

Zeile 6: Ja Gedächtnis ist besser als Gedanken, danke,

"Und nicht die Lebens-Schmerzen" ist eigentlich unverständlich, weil da kein Gegensatz zur vorigen Zeile ist. Lebens-Schmerzen würde ich immer auch auf die Vergangenheit beziehen.

Hier erstmal der Zwischenstand:

Im Liebeskosmos gleichen wir Kometen,
verschlossen ist uns jede sichre Bahn.
Wir träumen wahr, - die Welt geht es nichts an -
Wir, die wir zu den Mittnachtsonnen beten,
Man taufte uns nicht in der tiefen Lethe:
Der Geist muß sich mit dem Gedächtnis quälen,
mit alten Kränkungen, die in uns schwelen,
in Wanderern, Vertriebenen, Poeten.


Übrigens:

Die Deutschen haben das Kreuz aus dem lateinischen entlehnt, weil sie dafür kein eigenes Wort hatten. In den ältesten Übersetzungen war behelfsweise noch von "Galgen" die Rede.

Zu Zeile 14. Masochistisch klingt jetzt recht heftig. Vielleicht kann man etwas mit "dunkler Obsession" machen.

LG ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
06.02.2010 15:04
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #5
RE: Maximilian Woloschin: Corona astralis - Magistrale (RU)
Und nun mit den Terzinen:


Im Liebeskosmos gleichen wir Kometen,
verschlossen ist uns jede sichre Bahn.
Wir träumen wahr, - die Welt geht es nichts an -
Wir, die wir zu den Mittnachtsonnen beten;
Man taufte uns nicht in der tiefen Lethe:
Der Geist muß sich mit dem Gedächtnis quälen,
mit alten Kränkungen, die in uns schwelen,
den Wanderern, Vertriebenen, Poeten,

dem Seher, der bei Tageslicht erblindet,
dem der lebendig in der Gruft verschwindet,
dem diese Welt ein heiliges Exil.

Wer sich bewahrt hat seine Vision,
dem werden die Begegnungen kein Ziel:
Der Abschied wird ihm dunkle Obsession.

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
07.02.2010 10:24
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ABC1803 Offline
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Beitrag #6
RE: Maximilian Woloschin: Corona astralis - Magistrale (RU)
Hallo ZaunkoeniG,

ich danke Dir fuer eine sehr interessante Nachdichtung!

Meines Erachtens sind Dir die beiden Terzinen sehr gut gelungen -und insgesamt klingt die dt. Version durchaus ueberzeugend (ueber die technischen Sachen rede ich ja nicht).

Nun moechte ich die beiden Texte nochmals vergleichen:


В мирах любви — неверные кометы —
Закрыт нам путь проверенных орбит!
Явь наших снов земля не истребит, —
Полночных солнц к себе нас манят светы.
Ах, не крещён в глубоких водах Леты
Наш горький дух, и память нас томит.
В нас тлеет боль внежизненных обид —
Изгнанники, скитальцы и поэты!

Тому, кто зряч, но светом дня ослеп, —
Тому, кто жив и брошен в тёмный склеп,
Кому земля — священный край изгнанья,

Кто видит сны и помнит имена, —
Тому в любви не радость встреч дана,
А тёмные восторги расставанья!


Im Liebeskosmos gleichen wir Kometen, -- SEHR GUT!
verschlossen ist uns jede sichre Bahn. -- GUT!
Wir träumen wahr, - die Welt geht es nichts an - ???
Wir, die wir zu den Mittnachtsonnen beten; -- SEHR GUT!

Man taufte uns nicht in der tiefen Lethe:-- OK
Der Geist muß sich mit dem Gedächtnis quälen, -OK
mit alten Kränkungen, die in uns schwelen,-- OK
den Wanderern, Vertriebenen, Poeten, -- GUT!

dem Seher, der bei Tageslicht erblindet, -- SEHR GUT!
dem der lebendig in der Gruft verschwindet, -- SEHR GUT!
dem diese Welt ein heiliges Exil. -- ?!

Wer sich bewahrt hat seine Vision, -- STIMMT SO NICHT!
dem werden die Begegnungen kein Ziel: --FALSCH!
Der Abschied wird ihm dunkle Obsession. -- ?!!!!


Also: Deine Interpretation ist wesentlich anders geraten, als der Text von Woloschin. Ob dies besser oder nicht waere - das vermag ich nicht zu beurteilen, - es ist halt immer eine Geschmacksache. (Und uebrigens klingt der russische Text nicht besonders gut).

Auf jeden Fall moechte ich Dich darauf aufmerksam machen, dass deine Entscheidung fuer die „Welt“ (anstatt der russischen „Erde“) das ganze Konzept wesentlich anders darstellt.

Denn eben die „Erde“ ist fuer Woloschin anscheinend sehr wichtig. Die „Erde“ wird hier nicht nur deutlich „dekadent“, sondern schon beinahe „frauenfeindlich“ verstanden. Denn die „Erde“ ist im Russischen viel naeher und staerker mit der „Mutter-Erde“ verbunden als im Deutschen.
Die russische „Erde“ ist immer sehr, sehr weiblich. Das ist ein ausgesprochen heidnisches Symbol. Daraus resultiert wohl auch diese „Taufe“ in der Lethe - was im (damaligen) russischen Wortgebrauch fuer manche Leser schon beinahe an der Grenze zur Gotteslaesterung gestanden haette.

Die dt. „Welt“ ist dagegen im Russischen: MAENNLICH.
Darueber hinaus bedeutet dasselbe russische Wort sowohl die dt „Welt“ als auch den dt. „Frieden“. Daraus resultiert, dass die „Welt“ fuer einen russischen Dichter ein „leichtes“, ein sogar „politkorrektes“ Wort ist. Wobei die „Erde“ immer dunkel und unklar klingt, - und nicht selten an der Grenze zu den heidnischen Obszoenitaeten steht.

Darueber hinaus ist im Russischen die „Erde“ ziemlich oft ein Synonym fuer die „Heimat“. Man kann dies durchaus mit der dt. voelkischen „heilige Scholle“ usw. vergleichen.
Und in diesem Sinne hat das Gedicht von Woloschen auch eine gewisse politische Schattierung, denn er distanziert sich deutlich von der „Heimat-Erde“.

Aus dieser Deiner Wort-Auswahl zugunsten der „Welt“ kommen fuer mich auch Deine weiteren Ungenauigkeiten,-- im Vergleich zum russischen Text.

Ich moechte Dich auch darauf aufmerksam machen, dass dieses Gedicht Anfang des XX. Jahrhunderts geschrieben wurde, und dass Woloschin damals sehr nah zu den allerlei
russischen „Dekadenten“ stand.

Daraus folgt auch der gesamte „mystische“ Klang dieses Gedichtes. Im modernen Russischen moege jene damalige Plauderei als trivial, beinahe laecherlich vorkommen, - es sind ja inzwischen ueber 100 Jahre vergangen!

Allerdings: es aendert nichts am Woloschin’s Konzept. Denn seine Erde IST eben sadistisch, sie QUAELT die „Kometen“, sie ERNIEDRIGT und PEINIGT sie.

Sogar mehr: in der 3. Zeile der 1. Strophe moechte die russische Erde, woertlich genommen, gar alles VERNICHTEN -- und zwar die „Wahrheit unserer Nachts-Traeume“.

Man mag diese Bilder auch trivial nennen (von mir aus, ich bin kein grosser Freund der russischen „Dekadenten“ und „Symbolisten“).

Aber andererseits ist es auch wahr: bei Woloschin liegen die Tendenzen wesentlich anders als in Deiner Interpretation.

Und was ich frueher sagte, gilt: seine letzte Zeile ist deutlich masochistisch gefaerbt. Denn eben weil die „Erde“ (=Heimat,
= Mutterland, = Rossia, --- denn „Russland“ ist im Russischen nur und immer weiblich, wogegen die UdSSR maennlich war) so brutal sei, eben deswegen sei ein „Komet“ (fast mit Freude) bereit, diese irdische Qual zu akzeptieren und zu ertragen. Obwohl er natuerlich auch froh, sogar gluecklich waere, dieser sadistischen Erde wieder zu entfliehen... (So ungefaehr haette`s der Autor wohl gemeint, - was uebrigens sehr in der Tradition der russischen klassischen Dichtung gewesen waere.)

Und mit einer „Welt“ anstatt „Erde“ koennte man diese „tieferen“ Bedeutungen gar nicht andeuten. Denn wie gesagt: mit einer „Welt“ kann ein Russe hier nichts anfangen, dies ist ein allzu abstrakt-neutrales Wort.

Mir scheint uebrigens, dies gilt auch fuer das Deutsche. Denn es ist halt nicht dasselbe, wenn man ueber die „heimatliche Scholle“ redet - oder eben ueber die „Weltordnung zu Hause“.

Aber wie gesagt: das ist eine Geschmacksache.
Woloschin schreibt pathetisch-emphatisch, mit einer
mystisch-heidnischen Faerbung. Du versuchst dagegen, ihn kuehl und cool nachzudichten.

Warum nicht? Von mir aus!
07.02.2010 13:23
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #7
RE: Maximilian Woloschin: Corona astralis - Magistrale (RU)
Hallo ABC,

?!!!! Die Zeilen 11 und 14 sind dir nicht klar? Oder weißt du nicht, ob du sie gut finden sollst?

Bei den grammatikalischen Geschlechtern ist wohl entscheidend, welche Assoziation in der Zielsprache hervorgerufen werden soll. Wenn Du die Weiblichkeit der Erde als heidnisches Symbol betonst stellt sich die Frage für mich, ob hier eine verhängnisvolle Affaire gemeint ist, oder ob das Bild der Mutter-Erde dominiert. Ist der Zyklus vielleicht auch unter dem Eindruck des Tunguska-Ereignisses entstanden?
Woloschin wird kaum Augenzeuge gewesen sein, aber es wohl einige Wellen geschlagen.

Mit den Terzinen habe ich meine liebe Not. Die Zeilen sind einfach zu kurz, aber ich versuche es mal so:



Im Liebeskosmos gleichen wir Kometen,
verschlossen ist uns jede sichre Bahn.
Wir träumen wahr, - die Erde ficht's nicht an
Wir, die wir zu den Mittnachtsonnen beten;

Man taufte uns nicht in der tiefen Lethe:
Der Geist muß sich mit dem Gedächtnis quälen,
mit alten Kränkungen, die in uns schwelen,
den Wanderern, Vertriebenen, Poeten,

dem Seher, der bei Tageslicht erblindet,
dem der lebendig in der Gruft verschwindet,
dem diese Welt ein heiliges Exil.

Der dessen Name lebt in der Vision,
der nimmt die Treffen nicht als leichtes Spiel:
Der Abschied wird ihm dunkle Obsession.



LG ZaunköniG

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07.02.2010 17:51
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Beitrag #8
RE: Maximilian Woloschin: Corona astralis - Magistrale (RU)
Tja, diesmal hast Du es nicht besonders ueberzeugend gemacht...

Ich versuch`s nochmals, moeglichst nah zum russischen Text:


В мирах любви — неверные кометы —
Закрыт нам путь проверенных орбит!
Явь наших снов земля не истребит, —
Полночных солнц к себе нас манят светы.
Ах, не крещён в глубоких водах Леты
Наш горький дух, и память нас томит.
В нас тлеет боль внежизненных обид —
Изгнанники, скитальцы и поэты!

Тому, кто зряч, но светом дня ослеп, —
Тому, кто жив и брошен в тёмный склеп,
Кому земля — священный край изгнанья,

Кто видит сны и помнит имена, —
Тому в любви не радость встреч дана,
А тёмные восторги расставанья!


Im Liebeskosmos gleichen wir Kometen,
verschlossen ist uns jede sichre Bahn.
Wir traeumen wahr, - die Erde sinnet wahn!-
Die Mittnachtsonnen sind`s, die wir anbeten.

Getauft ist unser Geist nicht in der Lethe,-
verbittert ist er, durch Erinnerung gequält!
Jenseits des Lebens kommt der Schmerz, der schwelt
in uns: Verbannten, Irren und Poeten!

Der Seher, der bei Tageslicht erblindet,
der lebt und trotzdem in der Gruft verschwindet,
dem diese Erde heiligt sein Exil,

Der alle Namen kennt, der wahrt die Vision,-
dem in den Liebestreffen ist kein Ziel,-
vielmehr bejubelt er die Trennungen davon.


Jetzt bist Du an der Reihe – mach` den dt. Text besser!
07.02.2010 20:51
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beitrag #9
RE: Maximilian Woloschin: Corona astralis - Magistrale (RU)
Hallo ABC

Mein "Die Erde ficht's nicht an" läßt wieder Doppeldeutungen zu, weil nicht klar ist, was Subjekt ist und was Objekt, aber was will mir Dein Vorschlag jetzt sagen?
wenn ich Deine erste Übersetzung der dritten Zeile

Zitat:Die Wirklichkeit (oder: Wahrheit, Echtheit) von unseren
(Schlaf-)Traeumen kann die Erde nicht vernichten (ausrotten), -- bzw. durch die Erde nicht vernichtet werden.

mit der Neuen Zeile 3 vergleiche

Zitat:Wir traeumen wahr, - die Erde sinnet wahn!-

dann sehe ich da kaum noch Ähnlichkeiten.

Vielleicht: Wir träumen wahr in dieser Erde Wahn!


Du hast den Geist aus Zeile 6 in die Zeile 5 gezogen! Bei einem Einzelsonett sind auch noch größere Umbauten möglich. Bei einem Kranz macht das erhebliche Schwierigkeiten.


In Zeile acht gefallen mir die Irren eigentlich nicht, Das würde zum Wahn der Erde passen, aber nicht zum Seher der Wahrträume. Du hast sie als Ersatz für Wanderer eingesetzt. Was hältst du von "Pilger" oder "Sucher"?

Müsste es in Zeile 7 nicht heissen "von Jenseits des Lebens..."? Das geht metrisch nicht, aber so wie Du es schreibst kommen die Schmerzen erst nach dem Tod.

Deine Zeile 11 klingt überzeugend.

In der Schlußzeile hast Du bisher ausdrücklich von masochistischen, leiden-suchenden Empfindungen geschrieben. Die neue Variante klingt eher nach Erleichterung.


Im Liebeskosmos gleichen wir Kometen,
verschlossen ist uns jede sichre Bahn.
Wir träumen wahr in dieser Erde Wahn,
wir, die wir zu den Mittnachtsonnen beten;

Uns tauften nicht die Wasser einer Lethe:
Der Geist muß sich mit dem Gedächtnis quälen,
mit jenseitigen Schmerzen, die noch schwelen
in uns Verbannten, Pilgern und Poeten;

dem Seher, der bei Tageslicht erblindet,
dem der lebendig in der Gruft verschwindet,
dem diese Erde heiligt sein Exil.

Der alle Namen kennt, wahrt die Vision,
dem wird ein Rendezvous kein frohes Ziel:
Das Abschiednehmen wird ihm Obsession.


LG ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
07.02.2010 22:04
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ABC1803 Offline
Hobby-Autor
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Registriert seit: Jan 2010
Beitrag #10
RE: Maximilian Woloschin: Corona astralis - Magistrale (RU)
Also: es amuesiert mich schon, zu beobachten, wie merkwuerdig sich Deine Interpretation von einer „banalen“ (d.h. allgemein gueltigen) russischen Einstellung zu einem „klassischen Dichter“ unterscheidet! (Und der Woloschin wird ja auch zu den sog. „Silbernen Klassikern“ hinzugezaelt).

Denn es waere wohl niemand in Russland auf die Idee gekommen, einen „echten“ Dichter als „obsessiv“ zu bezeichnen! Einfach undenkbar, fuer den russischen „Common Sense“!

Ich verstehe durchaus, dass Du diese „Obsession“ in der letzten Zeile fuer die weiteren Reime braeuchtest. Aber nimm doch dann lieber eine normale, triviale „Passion“! Die passt ja immer und ueberallhin!

Denn ein russischer Muster-Dichter ist nun wirklich nie und immer „obsessiv“. Er ist vielmehr ein Maertyrer, ein irrer Heiliger, ein Kein-Prophet in seinem Heimatland, etc.
Man mag ihn verspotten, vertreiben, schlagen und quaelen- das ist ihm egal. Denn er laesst sich bewusst und gerne: erschiessen, erhaengen, hinrichten usw. Sein Schmerz ist ihm klar und heilig, - er fuehlt sich dadurch nicht bedraenht und er hat keine Angst davor.

Ein klassischer russischer Dichter ist sehr nah zu einem heidnisch-voelkischen „jurodiwyj“ (etwa: ein heiliger Narr, kaum ins Deutsche klar zu uebersetzen).

Man duerfte den russischen Dichter auch mit einem japanischen Kamikaze vergleichen. Denn er hat nie und nimmer eine Chance, lebendig davon zu kommen - und er ist auch stolz darauf.

Ob ein Kamikaze masochistisch ist? Aber gewiss! Denn er bejubelt seine „heiligen“ Schmerzen und selbst den eigenen Tod! Ob er dabei „obsessiv“ waere? Aber nein! Er hat ja keine Angst, - vor nichts und niemandem. Er ist eben: ein triumphierender Irrer, ein ewiger Verbannter in seinem eigenen Land, ein fallender, - aber "dunkel begeisterter"! - Komet, usw. usf.

Und dies gilt nicht nur fuer die allgemein bekannten Klassiker des XIX., -- sondern auch fuer das sowjetische XX. Jahrhundert.

Zum Beispiel gilt fuer viele Russen als ein absolutes Genie der Sowjet-Zeit ein gewisser Ossip Mandelstamm. Und der wurde - wie allgemein geglaubt - in einem sibirischen Sowjet-KZ von den dortigen Dieben, Vergewaltigern und sonstigen Kriminellen in einem
Eimer mit den Faekalien zu Tode ertraenkt.

Und eben DAS schafft fuer die Russen aus einem Schreiberling --einen echten Dichter (egal, ob der einer juedischen, deutschen oder tatarischen Herkunft gewesen waere).

Denn ein echter Dichter stirbt nicht nur wie ein Maertyrer (das ist ja selbstverstaendlich!), sondern auch: umsonst. Fuer gar nichts und niemanden,- und ohne jegliche Chance auf einen Sieg. Und das ist eben keine seine „Obsession“ - sondern sein brutales Schicksal.

Daher sind die „echten“ russischen Dichter fatalistisch und sogar masochistisch (geschweige schon: arrogant), - aber dabei immer passioniert.

Daraus folgt auch diese „dunkle Begeisterung“ Woloschins. Denn ein russischer Dichter ist immer bereit, zu leiden. Wozu dieser „Komet“ aber kaum bereit waere, - waere eben das irdische Glueck. So was gibt es ja einfach nicht!

Und gerade diese Einstellung macht das Gedicht von Woloschin, fuer die russischen Verhaeltnisse, eher mittelmaessig: denn er konstatiert ja allgemeinen „bekannten“ Sachen, - ohne besondere eigene Kunst.

Ansonsten: Du hast natuerlich recht, wenn Du mit der 3. Zeile unzufrieden bist. Diese meine „Erde sinnet wahn“ war nur ein (Wort)Spielchen, nichts mehr.

Mit dem franzoesischen „Rendez-vouz“ liegst Du aber voellig falsch. Es gibt zwar ein solches Wort auch im Russischen, - aber nur ironisch-leichtsinnig gemeint. (Uebrigens wurden die Franzosen in Russland nie fuer ganz voll gehalten).

Etc., etc., etc…

Ich hoffe, ich schaffe morgen eine neue Vorbereitungs-Version fuer Deine (Nach)Dichtung.

Und vorerst einmal - beste Gruesse!
08.02.2010 21:02
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 5.000
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #11
RE: Maximilian Woloschin: Corona astralis - Magistrale (RU)
Es amüsiert mich meinerseits, was Du für feine Unterschiede machst.
Einerseits sprichst du von russischen Dichtern als "triumphirenden Irren" oder gar "heiligen Irren", aber die irrationale Obsession willst du durch eine Passion ersetzen, die eher demütig ist, und durch häufigen Gebrauch banalisiert?

Als Obsession (Besessenheit; von lat. obsideo: in Anspruch nehmen; besetzt halten; belagern; bedrücken) wird im umgangssprachlichen Sinn eine Leidenschaft bezeichnet.
Aber ob man es nun Leidenschaft, Passion oder Obsession nennt, man hat sie doch FÜR etwas, auch wenn man weiß, es nicht erreichen zu können, eben sein Ideal.

Zitat:Ob er dabei „obsessiv“ waere? Aber nein! Er hat ja keine Angst, - vor nichts und niemandem
Wo siehst du die Verknüpfung von Obsession und Angst?

Der Begriff Obsession wird zwar auch klinisch gebraucht für eine "Zwangsvorstellung" oder "-Handlung" aber nicht für eine Angst, sondern im Gegenteil kann eine Obsession jede noch so berechtigte Angst überlagern und verdrängen. Ich sehe die Obsession also nahezu bedeutungsgleich mit der Passion, nur ohne direkten christlichen Bezug zum Leidensweg Christi.

Wo wir, wie hier, eine reimgleiche Alternative haben, können wir uns aber auch später entscheiden, wenn wir die beiden zugehörigen Kranz-Sonette bearbeiten.


Rendezvous:

Bei menschlichen Begegnungen, hast du recht, ist ein Rendezvous eine locker leichte, vielleicht kribbelnde Sache, nichts düster beschwerliches. Der Begriff wird aber auch gerne in der Astronomie verwendet, wenn sich zwei Himmelskörper begegnen, das war mein Hintergedanke dabei.
Ironisch würde man es Deutschen sicher nicht verstehen, aber wäre das so schlimm, wenn das Treffen ja gar nicht angestrebt wird? Diese dunkle Begeisterung soll doch für den Abschied sein, denke ich!

"Nicht die Vereinigung wird ihm zum Ziel"
könnte noch eine Alternative sein.


LG ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 09.02.2010 12:53 von ZaunköniG.)
09.02.2010 03:22
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