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Dialog des Wissens
Ryuk Offline
ABC-Schütze
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Beiträge: 5
Registriert seit: Jul 2010
Beitrag #1
Dialog des Wissens
Dialog des Wissens

Ei Fluss du zeitlos plätschernd fliesst ins Tal.
Ein Rätsel ungewiss gar heiss mich peint.
Welch Gut dem Menschen selbst als höchstes scheint?
Erlös du mich von dieser Frage Qual.

Ach Menschlein fragst du dich denn s'erste Mal?
Ich selbst als Wissensstrome bin gemeint.
Ich selbst bin es in dir, der lacht wie weint,
Nun stehst durchströmt von meinem hellen Strahl.

Wo leere Worte reichlich sich ergiessen,
Wo Wissensgipfel Menschen sich erschliessen,
Da spiegelt sich im Fluss der arme Tropf.

Denn was ein lachend Kinde weiss vom Leben,
Kein Weiser seines Wissens kann entnehmen.
So lernt zu sehn mit Herz anstell dem Kopf.

Ryuk
03.07.2010 12:57
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
****

Beiträge: 4.915
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #2
RE: Dialog des Wissens
Hallo Ryuk

Erstmal herzlich willkommen im Forum!

Dein Sonett ist handwerklich sehr sauber gemacht:
Fünfhebiger Jambus mit abwechselnd männlichen und weiblichen Endungen: lehrbuchmäßig für ein dialektisches Thema,
dazu die Vierfachreime in den Quartetten. Einziger Formfehler der Leben-entnehmen-Nichtreim. Aber lautlich sind diese Worte dennoch recht dicht beieinander, man kann das so durchgehen lassen.
Mit deinem Vokabular klingt das Sonett allerdings reichlich antiquiert, wenn nicht sogar parodistisch.
Wenn ich schon ds "Ei" als Ausruf sehe, "gar mich peint", dann klingt das nach Mittelalterlicher Gebrauchslyrik. Sowas hätte Shakespeare seinem Yorick in den Mund legen können. Hier wirkt der Text doch aus der Zeit gefallen.

Zeile 13: "Kein Weiser seines Wissens kann entnehmen."
kein Weiser kann dem Kinde sein Wissen entnehmen? Wenn er das sowieso nicht kann, folgt da ein ziemlich nutzloser Rat.
Sicher meintest du "kein Weiser seinem Wissen kann entnehmen"
Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod? Aber nicht überall wo ein Dativ steht wäre der Genitiv richtiger.

Zum Inhalt selbst: Die großen Lebensthemen, hier Sinn des Lebens, sind natürlich zeitlos, aber auch schon oft genug behandelt, schwer da noch etwas originelles Neues zu machen. Und die eigentliche Pointe bringst du viel zu früh.
Deine Aufteilung Frage-Antwort-Erklärung würde ich umstellen zu Frage-BildAntwort-Erkenntnis.
Bei solchen großen Umbauten entsteht vermutlich ein ganz neues Sonett...

Fazit: Die Form beherrscht du schon ganz gut, inhaltlich überzeugt der Text noch nicht ganz, aber letzteres kann ja nur subjektiv sein. Dennoch rate ich immer gern bei der Themenwahl nicht gleicht auf das Große und Ganze zu gehen. Komprimiert auf 14 Zeilen können da fast nur Allgemeinplätze rauskommen. Erkenntnis kann aber auch aus ganz unscheinbaren Beobachtungen erwachsen.

LG ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
04.07.2010 09:56
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Ryuk Offline
ABC-Schütze
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Beiträge: 5
Registriert seit: Jul 2010
Beitrag #3
RE: Dialog des Wissens
Vielen Dank für die nützliche Kritik.
Den Formfehler habe ich glatt übersehen.
Beim Weisen hast du natürlich Recht, sein eigenes Wissen ist gemeint.
die antiquare Sprache muss ich mir wohl abgewöhnen. Wenn du das so bewusst erwähnst fällt es mir auch auf. Wirkt ziemlich schwer und unbeholfen.

Den Inhalt scheine ich ziemlich missverständlich ausgedrückt zu haben, grundlegend hast du es aber mit der Bemerkung auf den Punkt gebracht man solle nicht "zu viel wollen" bzw. nicht zu allgemein, zu grosse Themen aufgreifen.

Ich umreisse meine Überlegungen grob:
Das Gedicht sollte die Überbewertung des Wissens beschreiben.
Die erste Strophe entspricht der Frage des Menschens an den Fluss, was das höchste Gut sei.
Dabei stellt der Fluss den Wissensfluss/ Wissensstrom, also schlussendlich das Wissen selbst dar, weil man sich derartige Fragen in Wirklichkeit nur mit Gedanken - schlussendlich wieder mit Wissen und Gelerntem beantworten kann.

Die zweite Stropfe als Antwort des Wissens ist in leicht überheblichem Ton gehalten. Der Fluss definiert sich selbst als das Wichtigste/ Höchste und ist dabei das Wissen im Menschen selbst, das die Antwort gibt (Ich selbst bin es in dir, der lacht wie weint). Der Mensch hat sich also quasi selbst die Antwort mittels seines zur Verfügung stehenden Wissens gegeben. Gleichzeitig glaubt er aber an das Wissen/ die Wissenschaft als höchstes Gut als objektive Wahrheit.

Die dritte Strophe versucht den Dialog dann zu entlarven.
Sowohl eine glorifirzierung des Wissens als auch die Tatsache, dass er sich nur selbst im Fluss spiegelt werden angesprochen.

Die letzte Strophe versucht dann, ehrlich gesagt ziemlich krampfhaft, das Ganze zu einem Abschluss zu bringen wobei das Fazit denkbar fad und der Thematik nicht gerecht abschliesst.

Dennoch scheint mir dein Hinweis bezüglich Frage-BildAntwort-Erkenntnis ziemlich einleuchtend.

Ich danke dir also nochmals für deine Ausführungen und Hoffe mich verbessern zu können.
Gruss Ryuk

Ryuk
04.07.2010 13:17
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
****

Beiträge: 4.915
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #4
RE: Dialog des Wissens
Zitat:Den Inhalt scheine ich ziemlich missverständlich ausgedrückt zu haben,

Durch die Verknappung großer Themen auf die Lyrische Kurzform entstehen eben auch Interpretationsspielräume.
Die erste Strophe ist noch eindeutig. Mit der Zweiten fangen die Schwierigkeiten an und zwar in der Form wie Du die Flußmetapher verwendest.
Du setzt hier den Fluß dem Wissen gleich, dabei steht der Mensch doch an einem realen Fluß. Die Metapher ist nicht schlecht gewählt und durchaus überzeugend, das der Mensch gerade den Fluß fragt, der (unbewußt) bereits für die Antwort steht.
Daß sich der Fluß aber selbst für das Wissen hält, das geht eigentlich nicht. - Dagegen sehr wohl daß er von Dingen spricht, die er kennt, in seiner Antwort also die Flußmetapher aufgreift.
Ich interpretire die Antwort also etwa: Wer fragt, dem ist Erkenntnis das Höchste Gut, aber Erkenntnis kommt und zerrinnt auch wieder, weil auf jede Antwort neue Fragen folgen. Da passt das Flußbild wunderbar! Aber nicht als überhebliche Selbsteinschätzung des Flusses; der bleibt in seiner Antwort einfach im Bild.

Daß Erkenntnis letztlich ein nie ganz erreichbares Ideal ist, kann einen Suchenden im Laufe des Lebens zermürben, aber was ist denn das Glück des Kindes? Ist es nicht sein Staunen über jeden neuen Tag, die Neugier und Entdeckerfreude die sein Glück zum großen Teil ausmachen?

LG ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
04.07.2010 15:24
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Ryuk Offline
ABC-Schütze
*

Beiträge: 5
Registriert seit: Jul 2010
Beitrag #5
RE: Dialog des Wissens
Deine Ausführungen sind absolut in sich stimmig. Vielen Dank für den Gedankenanstoss!

Ryuk
04.07.2010 15:46
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