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Die Aschenpfründe
Friedrich Offline
Verse-Schmied
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Beiträge: 208
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #1
Die Aschenpfründe
Die Aschenpfründe
(sul monte del tuo fuoco)

Der Saumpfad kriecht, längst schmal und steinbestreut,
In Kreisen hoch zum Kamm der Wolkenbrücken
Vorbei an Dunkelbrüchen – Lasten drücken
Im Trott von Tritt zu Tritt auf Schutt, wer scheut,

Nicht achtet, strauchelt, fällt, zerreißt zu Stücken
Am Schluchtengrund, wer achtsam bleibt, bereut
Tortur als Büßer nicht – ist hocherfreut,
Riskiert ganz Kopf und Kragen, trotzt manch Tücken

Am Steig hinauf zum Zinnengrat, wohin
Gebückt bloß Hoffnung treibt, um einst von Sünde
Errettet, frei von Bürde, leicht im Sinn

Den Himmelspfad zu wandeln – Kämpf! Entzünde
Im Stieg das Fegefeuer in dir drinn’ –
Allein die Asche wird zum Maß der Pfründe!


© Friedrich

Wonach immer du im Leben suchst - du findest es in dir.
Melos Merulae - Friedrich
08.09.2013 21:57
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 5.321
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #2
RE: Die Aschenpfründe
Hallo Friedrich,

Obwohl metrisch (natürlich) sauber gearbeitet, liest es sich recht beschwerlich. Ich nehme an, es ist Absicht um die Beschwerlichkeit des Weges zu untermalen.

Schwierigkeiten habe ich mit deinem zentralen Motiv, bzw. der Schlußzeile.

In der "klassischen" christlichen Mystik ist es doch so, dass im Fegefeuer die schwachen und sündigen Anteile als Asche vom dann geläuterten reinen Kern abfallen.
Auch die bekannte Beerdigungsformel "Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub" betont die Nichtigkeit des schwachen und sündigen Leibes im Gegensatz zur unsterblichen Seele.

Ich nehme an, dass du für dein Bild entsprechende Quellen zitieren kannst. Theosophische? Kabbalistische?
Für den durchschnittlich gebildeten und interessierten Leser dürfte das Asche-Bild aber etwas schräg rüberkommen.
Oder ist Asche synonym für die Brandrückstände gemeint, also für den geläuterten Rest?
Den Begriff Asche halte ich ohne nähere Erklärung jedenfalls für problematisch.


Liebe Grüße
ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
10.09.2013 17:17
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Friedrich Offline
Verse-Schmied
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Beiträge: 208
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #3
RE: Die Aschenpfründe
Hallo ZaunköniG,

danke für die Rückmeldung!

Ad Form:
Ja, es soll "stolpern", zu Atem- und Sprechpausen und zum "Weitergehen" zwingen .

Ad Inhalt:
Bezug nehme ich ich auf die "Göttliche Komödie" von Dante - übrigens hast Du mich mit deiner Wortmeldung zum Sonett "Im Zaubergarten" dazu inspiriert. "Die "Divina commedia" begleitet mich schon sehr lange und daher war sie jetzt einmal reif für eine Auseinandersetzung. Dante hat mit diesem Werk seiner "unglücklichen" Liebe zu Beatrice und ihr selbst damit ein Denkmal gesetzt und gleichzeitig mit den realen gesellschaftlichen Kontext abgerechnet, indem er viele reale Persönlichkeiten in die Geschichte verwob. Faszinierend ist auch, wie er die (chirstliche) Zahlenmystik in das Gesamtwerk einfließen hat lassen.

Was mir aber sehr eng gefasst erscheint, ist der religiöse Rahmen, der es praktisch nur den "getauften", reinen und geläuterten Seelen erlaubt am Ende der Zeiten in den höchsten Himmel aufzusteigen.

Jene Seelen, die vor der Zeit die irdischen Gefilde betraten, haben eigentlich keine andere Möglichkeit, als im Vorhof der Hölle zu verharren, auch wenn sie zu Lebzeiten tadellos blieben.

Damit erscheint aus meiner Sicht das Werk als eine göötliche Tragödie (= Divina tragedia"). Dies habe ich im Sonett mit gleichnamigem Skrostichon ausgedrückt.

Der zweite Kritikpunkt betrifft das Purgatorio, dem auf der Südhalbkugel der Erde gedachten Feuerberg, auf dessen Gipfel ein sprialförmiger Weg durch verschiedene Läuterungsebenen führt. Oben angekommen erwartet den geläuterten Sünder zunäschst der irdische "Garten Eden". Pointiert gesagt,:Wer hat etwas von den Qualen im Feuerbad, in dem die Sünden einfach weggebrannt werden? Von der Hölle ganz zu schweigen. Das Maß ist demnach die Menge der Asche, die der Beweis für die verbrannte Schuld ist und nach der am Ende der Zeiten auch zugeteilt werden wird (der Lohn = die Pfünde).

Oder gibt es denk-/fühlmäßige Systeme, in denen der Fehlgegangene die Enscheidungshoheit hat, sein Handeln zu ändern, um neue, für ihn selbst und seine Mitgänger bessere Ergebnisse zu erzielen? Der fokus läge dann nicht im Leid, in das sich jeder im Kontext seines Bezugssystems selbst manövriert, sondern in einer positiven Verhaltensanpassung (=Handlungsänderung).

In diesem Sinn wird der Inhalt meines Sonett zu einem ""leichten" Augenzwinkern, auch wenn der Gang auf dem schmalen Steig mit all den Lasten bis zum Schluss eine Plackerei bleibt.

LG Friedrich

P.S.: Natürlich muss jedes Werk und jeder Schöpfer eines solchen aus dem Zeitzusammenhang verstanden werden - darüber zu diskutieren, denke ich, wäre obsolet. Alles hat seine Zeit und "alles fließt" .

Wonach immer du im Leben suchst - du findest es in dir.
Melos Merulae - Friedrich
10.09.2013 18:37
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 5.321
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #4
RE: Die Aschenpfründe
Es ist ziemlich lange her, dass ich Dantes Göttliche Komödie gelesen habe, daher ist meine Erinnerung auch etwas unscharf.

Wenn ich die Zusammenfassung bei Wikipedia lese, finde ich:

Zitat:Vergil selbst ist als Heide der vorchristlichen Zeit in Ermangelung des Sakraments der Taufe von der Erlösung ausgeschlossen. Aber aufgrund seines tugendhaften Lebens und seiner Rolle als Dichter des Weltkaisertums und ahnungsvoller Prophet der Ankunft Christi (in seiner vierten Ekloge) bleiben ihm die Höllenstrafen erspart, und er darf die Zeit bis zum Jüngsten Gericht in dem der eigentlichen Hölle vorgelagerten Limbus verbringen, gemeinsam mit anderen Gerechten der Heidenheit und des Islams.

Nun sind die Muslime in der Logik Dantes von der reinen Lehre Christi abgewichen, was ihnen, trotz individuell guten Lebenswandels vom Paradies ausschließt, denn das Wort Gottes war ja bereits durch Christ offenbart.
mit Vergil verhält es sich ähnlich: Als "ahnungsvoller Prophet der Ankunft Christi" war auch nicht der schuldlos Unwissende, sondern ein Auserwählter, dem die Wahrheit offenbart wurde, der sie aber dennoch vor der Mitwelt leugnete, was er nun, als Führer Dantes durch die Höllenkreise bereut. Denn als Gottesleuger (nicht als Unwissender!) wird ihm die Gegenwart Gottes verwehrt. So wie auch die Strafen der Hölle immer einen direkten Bezug zur Verfehlung der Sünder haben.

Zu deinem Postskriptum:

Natürlich sind Jenseitsvorstellungen im Fluß und man kann Metaphern auch umdeuten.
Kein anderer Autor hat vermutlich unsere Vorstellung von Hölle und Fegefeuer so nachhaltig geprägt wie Dante. Auch wenn haute wohl kaum noch jemand diese Vorstellung teilt ist es doch ein fester Bezugspunkt für die theologische wie literarische Auseinandersetzung.
Ich persönlich mag auch ausgefeilte Privatmythologien, allerdings sollten, gerade wenn tradierte Bilder umgedeutet werden, auch die entsprechenden Argumentationen und Kausalketten mitgeliefert werden.

Du neigst dazu nicht nur viel Vorwissen vorauszusetzen, sondern auch, dass der Leser eigene gedankliche Volten mitmacht, ohne dass du sie im Text erläuterst, das macht diesen und viele andere Gedichte schwer zugänglich. Schade, denn du hast doch sehr bemerkenswerte Gedanken in deinen Texten verarbeitet.
(Und es ist schon eine kleine Ehre, wenn ich dabei zur Inspirationsquelle werde).


ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
10.09.2013 19:54
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Friedrich Offline
Verse-Schmied
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Beiträge: 208
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #5
RE: Die Aschenpfründe
Hallo ZaunköniG,

ich bin Dir sehr dankbar, dass du mit diesem Hinweis etwas angesprochen hast, was mir persönlich bei meiner Textarbeit sehr am Herzen liegt:

(10.09.2013 19:54)ZaunköniG schrieb:  Du neigst dazu nicht nur viel Vorwissen vorauszusetzen, sondern auch, dass der Leser eigene gedankliche Volten mitmacht, ohne dass du sie im Text erläuterst, das macht diesen und viele andere Gedichte schwer zugänglich.

Es ist der Anspruch an mich, nicht an den Leser oder Zuhörer. ZB iversuche ich diesen meinem Publikum am Beginn meiner Lesungen in einem Bild näherzubingen (siiehe vertiefende Erläuterung auf meiner Website):

Mir geht es um Stimmungen in ihrer ganzen Bandbreite. Es geht um Berührung und die ausgelöste Empfindung, im konkreten Sonett zB um Last und Belastung. Jemandem, den dies auf diese Weise berührt und dabei auch bei ihm diese Empfindungen auslöst, steht es frei, eigenen Assozitionen nachzugenen oder (danach) vielleicht tiefer in den Text einzudringen. Es macht für mich einfach keinen Sinn, den Leser/den Zuhörer kopfschüttelnd vor meinem Text ausgesperrt zu sehen, wenn er mit dem Lesen oder Hören meines Textes die Bereitschaft signaliisiert, sich auf ihn einzulassen. Ein tieferes Eindringen in den Text kann nur erhofft, aber keineswegs erwartet werden. Und deshalb versuche ich, durch oft sehr unterschiedliche, immannete Wort-, Text- und Bedeutungsebenen ein sehr dichtes Gefüge im Inneren des Textes zu schaffen.

Meine Texte verstehe ich als ene Landschaft, die sich dem Wanderer nie sofort offenbart und erschließt. Damit steht ihm offen, das wahrzunehmen, wonach ihm gerade ist, auch wenn er das Empfinden hat, die Umgebung - aus welchen Gründen auch immer - so schnell wie möglich verlassen zu müssen. Es bleibt dies seine Entschieidungshohoheit und die muss unangetastet bleiben.

Zum Themenkreis Hölle, Limbus (Vorhölle), Fegefeuer, Garten Eden und Himmel, ihrer Verortung, ihrem Beziehungsgefüge und ihrer Perzeption in Religion, Mythologie und Kunst wäre vielleicht noch zu ergänzen, dass sein tiefer, differenzierter Nachhall offenbar die gesamte Wahrnehmungswirklichkeit durchdringt. Die oft sehr unterschiedliche Wahnehmung, was als gesichert was als hypothetisch im Raum steht oder was abgelenht wird, schafft ein Kaleidoskop unterschiedlichster Erlösungswege. Erlösung wovon? Der Ebsünde? Einer Kollektiv- oder Individualschuld? Der konkrete Umgang mit diesen Fragen hat tiefere Auswirkungen im gesellschaftlichen Kontext, als oft angenommen wird.

Wieder eine pointierte Frage in diesem Zusammenhang:
Ist es in der heutigen Lebenswirklichkeit mit seinen Informationsmöglichkeiten noch ehtisch und moralisch vertretbar, ein Aktienportfolio zu besitzen und davon gedankenlos eine Dividende abzuschöpfen? Dies betrifft auch die sogenannten "Ethik-Aktien", denn ein Blcik auf die aufgelisteten Unternehmungen wirft so manche Frage auf...

Der Limbus (Vorhölle), der zwar kein (katholisches) Dogma ist, sondern als eine glaubensmögliche Theorie angesehen wird, steht aber symptomatisch für die Herausforderung: Wo haben die jeweils "Andersgläubigen" (resp. die Vorreiter der eigenen Religion) ihr Auskommen und ihren (zeitweiligen) Platz in der eigenen Glaubenswirklichkeit? Lässt sich dies mit einem Gottesbegriff einer universalen, allmächtigen, liebenden Gottheit vereinbaren? Vor allem, wenn die Kinder seiner Schöpfung nach seinem Ebenbild geschaffen sind? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang wirklich der sogenannte freie Wille?

Die handeldnden Personen in der "Göötlichen Komödie" (ua Vergil) haben aus der Sicht Dantes und der damalig herrschenden Auffassung über den Konnex der jenseitigen Bereiche ihren entsprechenden Platz. Niemand befindet sich ohne Grund hier oder dort. Das ist auch das faszinierende, komplexe Gesamtbild das Dante hier entwirft, die Bedingheiten "konkret" in diesen gewaltigen und zugleich berührenden Bildern, die das Geschenen unmittelbar erleb- und nachfühlbar machen.

LG Friedrich

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Melos Merulae - Friedrich
11.09.2013 13:19
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 5.321
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #6
RE: Die Aschenpfründe
Hallo Friedrich,

Ich glaube dir gern, dass deine Lesungen "funktionieren", wenn ich hier deinen nackten Text lese, den du in der Regel ohne vertiefende Eräuterung einstellst, habe ich schon mitunter Probleme. Aber dann frage ich halt nach, Das ist der Vorteil eines Forums gegenüber einem Buch oder einer normalen Webseite.

Der Platz von Vorreitern der eigenen Religion ist bei Dante gut gelöst, siehe Adam, und das leitet er ab aus jüdisch-christlicher Denktradition, dass es eben keine irgendwann gegründeten Religionen sind, sondern der alte Bund mit Adam, der immer wieder erneuert wurde, mit Noah, mit Abraham, mit Mose, mit Jesus , und im islamischen Verständnis auch mit Mohammed.

Ein Aktien-Portfolio halte ich nicht für Grundsätzlich problematisch. Aber man sollte halt schauen wo man investiert. Zwar können auch Minikredite oder Brunnenbohrungen ihre Tücken haben, aber die Weisheit "Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht" gilt für jedes Engagement, nicht nur für finanzielles. Dennoch ist Nichtstun nicht der Königsweg. Was passiert denn mit unserem Geld, wenn wir es auf Girokonto oder Sparbuch belassen? Dann investiert die Bank nach eigenem Gutdünken. Und dort spielt Ethik dann nur noch eine untergeordnete Rolle.

Aber wir kommen vom Thema ab...


Liebe Grüße
ZaunköniG

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13.09.2013 16:39
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