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Bergfahrt
Friedrich Offline
Verse-Schmied
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Beiträge: 208
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #1
Bergfahrt
Bergfahrt


Ein Feuerschlund, weit aufgerissen, giert nach Kohle.
Radgestänge treibt mit Druck den Tross bergan,
Naturgewalt im Kolbentakt, den Dampf im Bann,
Hinauf mit Zischen, Schnaufen aus der Fumarole

Auf dem Kesseldach, schon glüht die Eisensohle,
Rauchen, Stampfen, Fauchen, Bangen im Gespann,
Der Manometerzeiger schwankt, die Lok hält an.
Nicht hier! Nicht hier im Kehrtunell! Der Qualm, als hole

Er die Lunge aus der Brust, er raubt die Luft
Und Schweiß versprüht mit jedem Schaufelwurf, Ventile
Heulen. Komm! Das Stahlross schnaubt, Geschmauch verpufft.

Am Bersten fast baumt es sich auf, es zieht und viele
Räder rollen an, der Berg verschluckt ihr Stöhnen,
Tunnelausfahrt – Pfeifen überschallt das Dröhnen…


© Friedrich

Wonach immer du im Leben suchst - du findest es in dir.
Melos Merulae - Friedrich
19.08.2016 11:59
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 5.000
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #2
RE: Bergfahrt
Hallo Friedrich,

Ein Akrostichon für einen Eisenbahn-Fan?

Bist du selbst mit diesem Zug gefahren? Zu gerne wüsste ich welche Strecke es ist.

Die Fumarole musste ich erst nachschlagen. Passt! Aber muss es ein Fremdwort sein?

Noch nicht ganz sicher bin ich mir, was ich vom Geschmauch halten soll.
Mein erster Gedanke: Wenn ich es vom Verb "schmauchen" ableite, analog zu "Geklingel" oder "Gerenne", kann es dann verpuffen?
Dann vielen mir doch noch die Schmauchspuren ein und siehe da: Schmauch ist doch etwas ganz Konkretes, aber nur der Rückstand des Mündungsfeuers, nicht als etwas, das selbst zündet oder verpufft. Andererseits, verpuffen sie vielleicht doch, beim nächsten Schuss oder entzünden sich selbst wie bei einem Schornsteinbrand....

Der Kehrtunnel bricht aus dem üblichen Jambus aus, aber an der Stelle, wo die Lok selbst an Fahrt verliert, passt das sehr gut.


Schön wieder etwas, von Dir zu lesen!

Viele Grüße
ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
20.08.2016 20:27
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Friedrich Offline
Verse-Schmied
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Beiträge: 208
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #3
RE: Bergfahrt
Hallo ZaunköniG,

ich musste leider gesundheitsbedingt eine längere "Pause" einlegen, aber schön langsam kann ich wieder "Fahrt aufnehmen". Leider ist momentan meine Website offline, was nicht in meinenm Bereich liegt. Ich hofe, die Probleme können bald gelöst werden.

Ja, das Sonett, ist für einen großen Eisenbahnfan. Allerdings habe ich auch zur Bahnstrecke, einer noch in der Monarchie 1910 eröffneten Bergstrecke vom südlcihen Niederösterrich in die Steiermark über das Wechselgebirge mit vielen Tunneln und Viadukten (siehe Wiki "Wechselbahn"), einen persönlichen Bezug und ich erlebte noch als Kind die letzten vorgespannten Dampfloks.

Legendär für die lokalen Verhältnisse war der "Windhof-Kehrtunnel" mit einer 180° Kehre bei stetigem Anstieg im Berg. Meistens waren die im Einsatz befindlichen kleineren Dampfloks für die gezogenen Lastenwaggons zu schwach und blieben des öfteren genau in der Kehre liegen. Ein Zurücck war aufgrund der gezogenen Lasten zu gefährlich, deshalb musste die Lok im völlig verqualmten Tunnel (durch die Kehre bildete sich ein Rauchpropfen) weiter aufgeheizt werden - oft nur knapp an einer Katastrophe für Heizer, Zugsfährührer und Zug vorbei.

Ich habe für den Ausruf des lyrischen Ichs die bayrisch-österreichische Form "Tunell" für "Tunnel" gewählt, da sie auf "-ell" betont wird und habe damit den Hebungsprall bei "Kehrtunnel" vermieden.

"Fumarole" war für mich als Bild interessant, da sich der Zugeeignete auch sehr für Vulkanismus interessiert und ich davon ausgehen konnte, dass für ihn der Begriff geläufig ist. Auch vom Bild passt es ganz gut, da es der aus der Erde entweichende Wasserdampf ist und die rauchenden Fahnen an des Bild der dampfenden Lok erinnern.

Ad "Geschmauch": Die sogenannte Feuerbüchse (der Aufnahmeraum/Befuerungsraum für den Brennstoff) hat unter dem Rost Belüftungsklappen mit einem zugeschaltetem Hilfsbläser. Dieser musste im Standbetrieb zugeschaltet werden, da es sonst wegen des fehlenden Zugs in den Heizrohren zu lebensgefährlichen Verpuffungen in den Führerstand kommen konnte bzw. Frischluft für die Befeuerung benötigt wurde. Schmauch schien mir das passende Wort für die nicht vollständig verbrannten Rauchgase zu sein, aber ich wollte nicht wieder einen Artikel auf der unbetonten Silbe haben, daher habe ich daraus "Geschmacuch" gebildet.

LG Friedrich

Wonach immer du im Leben suchst - du findest es in dir.
Melos Merulae - Friedrich
21.08.2016 08:38
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 5.000
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #4
RE: Bergfahrt
Hallo Friedrich,

Ein Hebungsprall widerstrebt eigentlich der deutschen Sprache, weshalb er gewöhnlich eine Zäsur bewirkt. Das geht freilich nicht bei Komposita, daher würde ich Kehrtunnel als Daktylus betonen. Hier gleicht sich also das Standartdeutsch dem Hochdeutschen an...
Ich hielt das für ein gewolltes Stilmittel, wo der Lok auch gerade die Puste ausgeht.


   


Dampfloks kenne ich leider nur als Museumsbahn und nur von äußerer Anschauung.
Einem größeren Exemplar bin ich im Cottbuser Bahnhof nahegekommen.
Ich kann gut nachvollziehen, dass so ein Stahlross mehr Technikbegeisterung hervorruft als die zwar deutlich leistungsstärkeren aber auch glatten, langweiligen Diesel- und Elektroloks.

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
21.08.2016 10:26
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Friedrich Offline
Verse-Schmied
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Beiträge: 208
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #5
RE: Bergfahrt
Hallo ZaunköniG,

erst einmal Entschuldigung für meine vor Flüchtigkeitsfehlern strotzende Antwort (bereits korrigiert), aber gestern hat mich wieder meine Migräne eingeholt - von wegen "in Fahrt kommen"...

Dagegen hast du ein tolles Bild eingestellt, einer von den schnellen, starken "Dampfern".

Ad Kompositum "Kehrtunnel": Mea culpa! Du hast mich da aber auf etwas "gestoßen", dass es wert ist, sich näher damit zu beschäftigen. Bei "Kehrtunnel" ist es klar, dass der Hauptakzent auf der ersten Silbe liegt und damit ein Daktylus gesprochen wird.

Für mich stellt sich aber eine grundsätzliche Frage. Wie bedeutsam ist in der gängigen Schreibpraxis die Akzentuierung in Bezug auf (mehrgliedrige) Komposita. Sind mehrgliedrige Kopmposita dann eher stilistisch zu vermeiden, nämlich weil damit uU Nebenakzente beim Vortrag erzwungen werden? Wie ist dazu deine Einschätzung?

LG Friedrich

Wonach immer du im Leben suchst - du findest es in dir.
Melos Merulae - Friedrich
22.08.2016 19:21
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 5.000
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #6
RE: Bergfahrt
Hallo Friedrich,


ob man mehrsilbige Komposita vermeiden sollte, kann man nicht pauschal beantworten.

"Wendetunnel" zum Beispiel wäre ein sauberer Jambus. Andererseits kann man sich bewußt für einen Daktylus oder Amphibrachys als Leit-Metrum entscheiden.
Auch Nebenakzente sehe ich nicht grundsätzlich problematisch, denn bei einem allzu sauberem Jambus kommt man doch allzu leicht ins Leiern.

Gruß
ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
23.08.2016 08:02
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Alcedo Offline
Verse-Schmied
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Beiträge: 157
Registriert seit: Apr 2016
Beitrag #7
RE: Bergfahrt
hallo Friedrich

eine anschauliche Schilderung ist das, direkt aus dem Führerstand einer nostalgischen Dampflok. habe mich gefreut Fumarole und Kehrtunell lesend geboten zu bekommen. Fumarole habe ich, glaube ich, zuletzt bei Jules Verne gelesen, in meiner Kindheit, das ist ewig her. war es die Reise zum Mittelpunkt der Erde? der Begriff hat eher mit Vulkanismus zu tun, als mit Technik, aber du bringst sie gekonnt zusammen indem du die Dampfmaschine innen aus dem Berg keuchen lässt.

Feuerschlund ist mir gleich zu Beginn schon viel zu trivial & verbraucht. das war mir ein Manko bei diesem insgesamt als stark empfundenen Text, wo du auch noch ein Akrostichon eingebaut hast (was ich erst nach dem dritten Lesen bemerkte).
Vorschlag:
Ein roter Schlund, weit aufgerissen, giert nach Kohle.

mit der Betonung des Kehrtunells hatte ich keine Probleme. das fügte sich mir schön in den Jambus:
Nicht hier! Nicht hier im Kehrtunell!
xXxXxXxX

wahrscheinlich weil ich auch ein österreicherisches Deutsch spreche (Banater Schwäbisch) und deshalb von Haus aus Tunell für einen jambischen Versfuß halte.

mein Highlight waren die durchrutschenden Antriebsräder, herrlich mit der „glühenden Eisensohle“ beschrieben bis zum Manometerschwanken. das draufflogende beschwörende „Nicht hier!“ wirkte deshalb sehr authentisch und lebendig. ich sah mich zurückversetzt in meine Kindheit als ich den Ungetümen am Bahnsteig gegenüberstand und in Tunnels und Kurven den Rauch noch über die offenen Fenster einatmete. im Führerstand war ich leider nie gewesen.

Gruß
Alcedo

Come build in the empty house of the stare
- Yeats -
11.09.2016 13:05
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