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Brasserie del Sol
ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
****

Beiträge: 4.861
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #1
Brasserie del Sol
.


Brasserie del Sol


War das ein Lächeln? Das gefällt ihr wohl.
Die beiden kennen sich seit vielen Jahren,
seit sie in einen Plausch geraten waren
bei Wein und überbacknem Blumenkohl.

Sie haben ihre Freundschaft eingehegt
in einvernehmlich seichte Höflichkeit.
Unmerklich ändert sie sich mit der Zeit;
das Mienenspiel, der Worte Klang:

------------------------------------------ Er legt
den Arm um sie als er sich näher schiebt.
Er ist, sie sieht's ihm an, etwas verlegen.
"Du hast dich jetzt doch nicht in mich verliebt?"

"Ach Liebe," sagt er, "ist ein großes Wort."
Kaum ausgesprochen ist der Zauber fort.
Nun schaut sie ihm mit festem Blick entgegen.



.

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
06.06.2017 15:32
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Terrapin Offline
ABC-Schütze
*

Beiträge: 10
Registriert seit: Jun 2017
Beitrag #2
RE: Brasserie del Sol
Hallo ZaunköniG,

da hast du aber ein amüsantes Sonett geschrieben.
Das Geschehen zwischen den beiden und den Tritt des Herren in das Fettnäpfchen samt weiblicher Reaktion kann man gut vor seinem inneren Auge genießen.
Klasse gemacht. Gerne gelesen.

Herzliche Grüße, Terrapin.
01.07.2017 10:03
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
****

Beiträge: 4.861
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #3
RE: Brasserie del Sol
Hallo Terrapin,

Amüsant? Nun, mit einigem Abstand können Pleiten, Pech und Pannen sehr amüsant sein, - und der Erzähler hat ja auch Abstand. Für die direkt Beteiligten ist es das wohl weniger.

Liebe, wenn sie nur einseitig ist, ist immer kompliziert. Man kann kaum etwas richtiges sagen oder tun, aber Schweigen und Nichts tun ist auf Dauer auch keine Alternative.
Das Fettnäpfchen ist unausweichlich. Oder tragisch, wie der Grieche sagen würde.


Liebe Grüße
ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 08.09.2017 12:48 von ZaunköniG.)
01.07.2017 10:11
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
****

Beiträge: 4.861
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #4
Brasserie del Sol 01
.


01


Nun schaut sie ihm mit festem Blick entgegen.
Er weicht ihr aus, zunächst wohl irritiert.
Ich frage mich, was ist zuvor passiert,
doch ist mir nicht nach langem Überlegen.

Ich sehe gerne den Verliebten zu.
That's all. Das erste zögerliche Werben,
das große Glück, scheint etwas abzufärben,
Ich bin mit diesem Glück bald selbst per Du.

Es grüßt mich, denn wir kennen uns vom Sehen,
doch hat es grad woanders viel zu tun.
Und mancher scheint auch für sein Glück imun.

Die beiden hier beginnen zu verstehen.
Ein guter Ort, die Brasserie del Sol.
War das ein Lächeln? Das gefällt ihr wohl.



02

War das ein Lächeln? Das gefällt ihr wohl.
Sie schielt nach etwas Glück vom Nachbartisch,
wo zwei sich in die Augen sehn... Wie frisch
verliebt. Frisch widerscheint auch die petrol-
türkise Bluse aus entspanntem Blick:
Nein. - nicht entspannt, - viel eher hoffnungsvoll!
Er weiß bald nicht, wohin er schauen soll ...
Er schaut, - verspannt greift er sich ins Genick

und fahndet nach Entspannung hinterm Tresen:
"Könn' wir nochmal?" - "Für Dich nochmal das Gleiche?"
"Jaa... - War doch schön, als wir zusammen waren!"

Und er: "Es ist nicht alles schlecht gewesen,
doch wird es wohl auch dieses Mal nicht reichen...
Die beiden kennen sich seit vielen Jahren.



03

Die beiden kennen sich seit vielen Jahren.
Sie kennen jede Schlaufe, jeden Strick,
den Zauber und auch jeden faulen Trick
um miteinander auch die viertelgaren
Gelegenheiten, sich zu unterhalten,
beim Schopf zu packen. Diese war schon halb-
und souverän erlegen sie den Skalp.
Die Politik, die kauzigen Gestalten,
die an der Fensterfront vorüberwehen
mit aufgesetztem, lässigem Gebahren;
Ihr feiner Spott trifft alle Welt und jeden.

Sie schweigen nicht, auch um sich einzureden,
dass sie sich eigentlich ganz gut verstehen,
seit sie in einen Plausch geraten waren.



04

Seit sie in einen Plausch geraten waren,
sie fragte nur nach einem Taschentuch,
er saß allein am Tisch, denn sein Besuch
hat ihn versetzt, genießen sie die raren
Momente, die sie füreinander haben
und sie erinnern sich, wie 's damals goss,
wie ein verregneter Touristentross
mit dunklen Mänteln wie ein Pulk von Raben

bald jeden freien Stuhl im Saal besetzte.
Er gab das Taschentuch und ein Menthol-
bonbon. - Zwei Kaffee und eine geschätzte
Monsunzeit später, saß man noch zusammen,
die Unbill ihres Schicksals zu verdammen,
bei Wein und überbacknem Blumenkohl.



05

Bei Wein und überbacknem Blumenkohl,
mediterran gewürztem Salzgebäck
und Ingwertee ist es ein guter Fleck,
ein etwas überheizter Gegenpol
zum nieselnassen kalten Grau der Straßen.
Die Sandsteinoptik und der Kegelbuxus
vermitteln einen bürgerlichen Luxus,
der sich wie Urlaub anfühlt. Sie vergaßen
die Zeit und irgendwie hat es sich gut
so angefühlt. Die große Standuhr schlägt
nicht mehr, zur Gin-Vitrine umgebaut.

Auf einem freigebliebnen Stuhl legt traut
ihr Schaltuch sich um seinen nassen Hut;
Sie haben ihre Freundschaft eingehegt.



06

Sie haben ihre Freundschaft eingehegt
in ihre Rituale und Marotten,
in Filmzitate und die polyglotten
Zweideutigkeiten. Aber sie bewegt

sich nur im abgemessenen Careé,
wie diese Barben im Aquarium.
Sie schau’n in ihre Spiegelbilder, stumm,
als wäre hinterm Glas die weite See,

die sich als Rauschen in die Sinne schleicht.
Was sie am Spiegelbild dann doch entdecken:
Der Blick verrät es ihnen mit der Zeit:

Dies Draußen ist ein großes Haifischbecken
Sie ziehen sich zurück, schon fällt es leicht,
in einvernehmlich seichte Höflichkeit.



07

In einvernehmlich seichte Höflichkeit
versunken, wie in ein Gespinst, zerbricht
jäh die Behaglichkeit, weil ein Gesicht
im Fenster aufscheint. – Noch eins. Nun zu zweit

schau’n sie zum Gastraum rein, nach freien Plätzen.
Schmal, hochgewachsen, in dezentem Chic…
Er sieht: Sie hat ihn gleich erkannt. – Ihr Blick
dehnt die Sekunden um ihn abzuschätzen.

Dann kippt ihr Staunen um in Scheu und Scham
und schließlich geht sie hin, woher sie kam,
in eine bessere Vergangenheit.

Ihm ist, als hätt' sein Leben einen Sprung
und es verschiebt ihm die Erinnerung;
Unmerklich ändert sie sich mit der Zeit;



08

Unmerklich ändert sie sich mit der Zeit;
und zeigt bald ein verwandeltes Gesicht.
Statt Chef-Salat und einer Cola light
gibt es bei absteigendem Sonnenlicht

nun Crêpes Susan. Die Mittagszeit der Banker
verstreicht und Bar wie Fensterplatz gehören
bald den Kulturtouristen und Flaneuren.
Die schmunzeln über Fotos von Paul Anka

und Udo Jürgens, doch im Hintergrund
läuft Fado, Tango, Blues. Susanne pflegt
noch selber aufzulegen. Wenn Du zeigst,

dass Dir das nicht gefällt, gar jemand feixt,
durchbohrt sie ihn mit harten Blicken und:
Das Mienenspiel, der Worte Klang: Erlegt.



.

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 27.03.2019 16:23 von ZaunköniG.)
30.07.2018 00:16
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