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Krzysztof Kamil Baczyński: Elegia o...[chłopcu polskim]
Serpentina Lindhorst Offline
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Beitrag #1
Polen Krzysztof Kamil Baczyński: Elegia o...[chłopcu polskim]
Krzysztof Kamil Baczyński
22.01.1921 - 04.08.1944 Warschau (Polen)


Elegia o...[chłopcu polskim]

Oddzielili cię, syneczku, od snów, co jak motyl drżą,
haftowali ci, syneczku, smutne oczy rudą krwią,
malowali krajobrazy w żółte ściegi pożóg,
wyszywali wiesielcami drzew płynące morze.

Wyuczyli cię, syneczku ziemi twej na pamięć,
gdyś jej ścieżki powycinał żelaznymi łzami.
Odchowali cię w ciemności, odkarmili bochnem trwóg,
przemierzyłeś po omacku najwstydliszwe z ludzkich dróg.

I wyszedłeś, jasny synku, z czarną bronią w noc,
I poczułeś jak się jeży w dźwięku minut- zło,
Zanim padłeś, jeszcze ziemię przeżegnałeś ręką,
Czy to była kula, synku, czy to serce pękło?

20.03.1944

Elegie von… [einem polnischen Jungen]

Sie trennten dich von Träumen, schmetterlingszitternde Flut,
Sie malten dir in tristen Augen mit rot verdicktem kaltem Blut,
Sie stickten dir das weite Land mit feuergelbem Faden,
wo es fließendhohe Bäume gab, aus denen die Gehängten ragen.

Sie lehrten dich auswendig deine Heimat zu erkennen,
die Wege in der Erde schnittest du mit Eisentränen.
Sie zogen dich im Dunkeln groß, Furcht sollte Brot dir sein,
tastend gingst du durch die Wege der größten Menschen Pein.

Und so kamst du raus, mein Sohn, mit der Waffe in der Nacht,
Und du fühltest in Minuten, die wachsende böse Kraft.
Als du auf den Boden fielst, strecktest du im Heil die Hand.
War das eine Kugel, Sohn, war´s dein Herz, das still stand?
04.08.2017 09:04
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #2
RE: Krzysztof Kamil Baczyński: Elegia o...[chłopcu polskim]
Hallo Serpentina,


Die Polen oder Osteuropäer sind ja angeblich stark im Expressionismus vertreten. Ich muss bekennen, dass das bei mir noch eine Bildungslücke ist.
Gefällt mir gut!

Ich habe allerdings ein paar grammatische Fehler gefunden. Flüchtigkeitsfehler? oder habe ich da ein Sprachspiel nicht verstanden?


Zitat:Elegie von… (einem polnischen Jungen)

Sie trennten dich von Träumen, schmetterlingszitternde Flut,
Sie malten dir in tristen Augen, mit rot verdicktem kaltem Blut,
Sie strickten dir das weite Land mit feuergelbem Faden,
wo es fließendhohe Bäume gab, aus denen die Gehängten ragen.

Sie lehrten dich auswendig deine Heimat zu erkennen,
die Wege in der Erde schnittest du mit Eisentränen.
Sie zogen dich im Dunkeln groß, Furcht sollte Brot dein sein,
du gingest tastend Wege durch, der größten Menschen Pein.

Und so kamst du raus, mein Sohn, mit der Waffe in der Nacht,
Und du fühltest in Minuten, die wachsende böse Kraft.
Als du auf den Boden fielst, strecktest du im Heil die Hand.
War das eine Kugel, Sohn, oder Herz dein still stand?



Sie trennten dich von Träumen, schmetterlingszitternde Flut,
Sie malten dir in tristen Augen mit rot verdicktem kaltem Blut,
Sie strickten dir das weite Land mit feuergelbem Faden,
wo es fließendhohe Bäume gab, aus denen die Gehängten ragen.

Sie lehrten dich auswendig deine Heimat zu erkennen,
die Wege in der Erde schnittest du mit Eisentränen.
Sie zogen dich im Dunkeln groß, Furcht sollte dein Brot sein,
du gingst tastend durch Wege der größten Menschen Pein.

Und so kamst du raus, mein Sohn, mit der Waffe in der Nacht,
Und du fühltest in Minuten, die wachsende böse Kraft.
Als du auf den Boden fielst, strecktest du im Heil die Hand.
War das eine Kugel, Sohn, oder dein Herzstillstand?




Die Schmutzreime und Assonanzen scheinen ja dem Original zu entsprechen, auch metrisch ist der Text nicht reinrassig, aber er läuft doch ganz rund, vor allem in der ersten Zeile empfinde ich den Wechsel von Jambus zu Daktylus sehr gelungen.


Liebe Grüße
ZaunköniG
.

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
04.08.2017 12:19
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Serpentina Lindhorst Offline
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Beitrag #3
RE: Krzysztof Kamil Baczyński: Elegia o...[chłopcu polskim]
Hallo Zaunkönig,

danke für deine Beurteilung und Korrekturvorschläge. Die grammatischen Fehler und die Interpunktion korrigiere ich gleich. Ja, bei einigen Stellen war ich mir nicht sicher, wie ich den Inhalt richtig „auf Deutsch“ wiedergeben soll. Das ist auch meine erste Gedichtübersetzung aus dem Polnischen auf Deutsch. Es freut mich auch, dass meine Übersetzung dir gefallen hatte.
In der letzten Strophe lasse ich noch den letzten Vers offen, da ich noch nicht sicher bin, wie ich den Inhalt ausdrücken soll: „War das eine Kugel, Sohn, oder Herz dein still stand?“ – Ich weiß, normalerweise hätte ich die Frage so formuliert: War das eine Kugel oder ist dein Herz stehen geblieben? Im Polnischen fragt Baczynski: „War das eine Kugel, Söhnchen, oder ist dein Herz geplatzt“ / oder „zerbrach dir dein Herz?“

Krzysztof Kamil Baczyński war ein sehr begabter Dichter und ist in Polen sehr beliebt und geschätzt. Er ist im Warschauer Aufstand als Soldat in der Polnischen Untergrundarmee AK gefallen. Er war noch Student, sehr jung- 23 Jahre alt. Heute ist sein 73 Todestag. Er fiel genau am 4 August 1944. Noch heute ist er ein Vorbild für Tapferkeit, ein Held, der für seine Heimat gekämpft hatte und gestorben ist.

(04.08.2017 12:19)ZaunköniG schrieb:  Die Schmutzreime und Assonanzen scheinen ja dem Original zu entsprechen, auch metrisch ist der Text nicht reinrassig, aber er läuft doch ganz rund,
.

Könntest du mir das etwas genauer erklären? Die Theorie muss ich noch nachholen. Ich habe mich eher spontan zu der Übersetzung von Lyrik entschlossen und stelle fest, ich muss noch viel darüber lernen.
Wenn ich etwas übersetze, sollte ich nur in einem Typus der Metrik bleiben? Muss ich zuerst im polnischen Text die Metrik erfassen? An was bin ich gebunden und was kann ich selbst bestimmen, wenn es um die Metrik geht?

Viele Grüße,
Serpentina Lindhorst
04.08.2017 22:06
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #4
RE: Krzysztof Kamil Baczyński: Elegia o...[chłopcu polskim]
Hallo Serpentina,


Der Warschauer Aufstand war zwar kein Wendepunkt des Krieges, aber dieser Kampf in aussichtsloser Lage und die Solidarität der Polen mit der jüdischen Bevölkerung, das ist natürlich Stoff aus dem Legenden gemacht werden, vergleichbar vielleicht mit dem Tiroler Aufstand gegen Napoleon.

Zitat:Könntest du mir das etwas genauer erklären? Die Theorie muss ich noch nachholen.

Meinst du die Begriffe Schmutzreim und Assonanz? oder wann man sie anwendet?

Wenn in der Lyrik von Reim die Rede ist, ist in der Regel der reine Reim gemeint, also Worte, die ab dem letzten betonten Konsonanten gleich lauten.
Beim Schmutzreim oder unreinen Reim können auch ähnlich klingende Laute vertauscht werden oder lange auf kurze Vokale reimen.
Bei der Assonanz schließlich stimmen nur noch die Vokale überein.


Zitat:Wenn ich etwas übersetze, sollte ich nur in einem Typus der Metrik bleiben? Muss ich zuerst im polnischen Text die Metrik erfassen? An was bin ich gebunden und was kann ich selbst bestimmen, wenn es um die Metrik geht?

Zunächst ist natürlich das Original der Maßstab jeglicher Übersetzerarbeit. Daher würde ich in jedem Fall sagen, dass du die Metrik des Originals erfassen solltest. Aber gerade Lyrik ist ja schon auf der formalen Seite mehrdimensional: Metrik, Reim und Reimschema, Wortspiele und Metaphern, Lautmalereien... - und die eigentliche Botschaft des Textes gilt es natürlich auch zu berücksichtigen.
In der Regel eine unlösbare Aufgabe. Wenn aber nur Näherungswerte erreichbar sind, liegt es im Ermessen des Übersetzers welche Aspekte des Textes am ehesten verzichtbar sind, bzw. welche es am ehesten vertragen, wenn man sie nur ungenau wiedergibt.
Interessant an der Stelle ist vielleicht auch ob du Erstübersetzerin bist oder ob es schon andere Übertragungen gibt. Als Neuübersetzer kommt die Frage hinzu ob ich es schaffe eine generell bessere Übersetzung hinzubekommen oder ob ich mich darauf konzentriere bisher nicht oder zu wenig herausgearbeitete Aspekte sichtbar zu machen.
Und schließlich gibt es noch einen fließenden Übergang zwischen Übersetzungen, Nachdichtungen und Aneignungen.
Würde ich das Original besser verstehen könnte ich dir sicher sagen, wie ich heran gehen würde, aber das muss nicht dein Weg sein und schon beim nächsten Text könnte meine Herangehensweise wieder eine andere sein. Verleite mich also nicht dazu, irgendwelche Dogmen zu formulieren, die ich früher oder später doch widerrufen oder einschränken muss.


Liebe Grüße
ZaunköniG

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04.08.2017 23:01
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #5
RE: Krzysztof Kamil Baczyński: Elegia o...[chłopcu polskim]
Hallo nochmal,


Karl Dedecius ist natürlich nicht ein renomierter Übersetzer, sondern DER Übersetzer polnischer Lyrik in Deutschland. Da liegt die Latte schon ziemlich hoch. Und im Gegensatz zu Kemp beispielsweise, der zugunsten der Inhaltstreue gerne mal auf Reime verzichtet ist Dedecius auch als Übersetzer ein wirklicher Dichter obwohl er anscheinend keine eigene Lyrik verfasst hat.

Wenn ich eure beiden Übersetzungen vergleiche und es auf einen knappen Satz bringen müsste, würde ich sagen, dass seine Übersetzung wohl das bessere Gedicht ist. Aber so einfach ist es natürlich nicht, denn je enger man sich an die Form hält und je mehr man den Text der Zielsprache anverwandelt, desto größer sind ja tendenziell die Abweichungen vom Original.

Nun verstehe ich Original nahezu nichts, aber der direkte Vergleich zweier Übertragungen ist vielleicht doch ganz aufschlusreich, oder wirft zumindest ein paar interessante Fragen auf:

Da ist zunächst eine auffällige Grammatik: Das Original besteht aus nur 4 Sätzen, wenn man die Punkte zählt. Tatsächlich aber sind es Aufzählungen von Hauptsätzen, die je eine Zeile einnehmen. Man könnte also fast an jedes Zeilenende einen Punkt setzen. Diese Grundstruktur sehe ich in beiden Übertragungen, aber ist das Original auch so klar strukturiert? Jedenfalls sehe ich Unterschiede in der Übertragung, die ich mir nicht mit Formzwängen erklären kann:

Z.2/3: Bei dir malten sie in die Augen und strickten das weite Land, während es bei Dedecius genau umgekehrt ist: Sie malten die Landschaft und strickten feuchte Augen!
Daher meine Vermutung, dass die Grammatik im Original vielleicht doch komplexter ist und in beide Richtungen deutbar.
Diese Vertauschung wirft eine weitere Frage auf:

Zitat:Sie strickten dir das weite Land mit feuergelbem Faden
Das ist in sich ein schlüssiges und auch kraftvolles Bild, wenn aber Dedecius schreibt:

Zitat:Sie strickten feuchte Augen dir, mein Sohn, die rot verbluten,

dann scheint mir eine Stricknadel recht stumpf. Klar kann man auch mit der ein Auge ausstechen, aber eine spitzere Nadel fände ich an der Stelle passender. Eine Sticknadel z.B., die noch den weiteren Vorteil hätte, dass sich komplexere Motive (Eine Landschaft) viel leichter sticken als stricken lässt.
Ist das ein Tippfehler oder bezeichnet das polnische Verb Handarbeiten ganz allgemein?

Aber von vorne:

In Zeile 1 hatte ich deinen Wechsel von Jambus zu Daktylus gelobt, und auch neben Dedecius würde ich das rechtfertigen wollen, einfach weil Schmetterling ein schöneres Wort ist, als Falter.
Dedecius hat sich hier für das aubere Metrum entschieden, was man natürlich genauso rechtfertigen kann. Ich frage mich aber warum in seinem Fall nur ein Falter zittert, wo es doch um mehrere Träume geht. Das Metrum wäre hier kein Problem, aber auch die besten ihres Fachs stehen vielleicht einfach mal auf dem Schlauch. Jedenfalls ginge es auch im Plural:

Sie trennten dich, mein Sohn, von Träumen, die wie Falter zittern.

In Zeile 4 schreibst du von fließendhohen Bäumen, was ein sehr starkes, geradezu syrreale Bild ergibt, aber bei Dedecius finde ich nichts vergleichbares wieder. Sind es doch die Fluten, die du als Reim in die erste Zeile gezogen hast? oder hat Dedecius die Stelle geglättet zugunsten einer leichteren Lesbarkeit im Deutschen?

In Zeile 6 schreibst du,

Zitat:die Wege in der Erde schnittest du mit Eisentränen

Dedecius erwähnt an der Stelle die Erde nicht, - und es scheint mir auch plausibler wenn die Eisentränen Spuren im Gesicht hinterlassen.

Zeile 7 endete bei Dir ursprünglich "Sollte Brot dein sein", was du auf meinen Vorschlag in "sollte dein Brot sein" geändert hast, was grammatisch korrekt ist, aber nun metrisch nicht mehr passt. Vielleicht geht an der stelle auch: "Sollte Brot dir sein". Das ist dann zwar wieder eine Inversion aber mit "dir" klingt es doch gebräuchlicher.

In Zeile 11 streckte er bei dir "im Heil die Hand", während er bei Dedecius die Welt bekreuzigte. Hier mutmaße ich mal, dass du näher am Original bist, aber "Heil", gerade in Verbindung mit der gestreckten Hand ist in Deutschland eine heikle Vokabel, weil sie eng mit dem Führerkult der Nazis verbunden ist. Natürlich ist die Geste älter und weiter verbreitet, aber in einem deutschen Text wird ein "Heil" leicht missverstanden.

Soweit meine Gedanken zu den beiden Versionen....



Liebe Grüße
ZaunköniG

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06.08.2017 11:12
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Serpentina Lindhorst Offline
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Beitrag #6
RE: Krzysztof Kamil Baczyński: Elegia o...[chłopcu polskim]
Hallo ZaunköniG,
ich sehe, ich komme jetzt nicht drum herum und muss dir das Gedicht genau übersetzen:

Sie trennten dich von Träumen, Söhnchen/Sohn, die wie ein Schmetterling zittern,
Sie stickten dir, Söhnchen/Sohn, die traurigen Augen mit rotem Blut,
Sie malten dir Landschaften mit gelben Stichen der Brände,
Sie stickten das fließende Meer der Bäume mit den Gehängten.

Sie haben dich, Söhnchen/Sohn, deine Heimat = deine Erde auswendig gelehrt
Als du ihre Wege schnittest mit den Eisentränen.
Sie zogen dich im Dunkeln groß, Sie haben dich mit dem Brotlaib aus Angst /Furcht gefüttert.
tastend gingst du durch die Wege der größten Menschen- Schande.

Du tratst raus/Du kamst raus, heller Sohn mit der schwarzen Waffe in der Nacht
Und du fühltest, wie das Böse im Klang der Minuten aufsteigt,
Bevor du gefallen bist, hast du die Erde mit der Hand gesegnet/bekreuzigt
War das eine Kugel, Söhnchen/Sohn oder ist das Herz zersprungen/zerplatzt?

Jetzt habe ich dir den Inhalt GANZ TREU übersetzt. Ich habe nichts ausgelassen oder verändert.

Sorry, das ich mit dem Meister nicht ganz zufrieden war!

http://www.deutschlandundeuropa.de/37_98/due37o.htm

Dann gehe ich gleich zur Sache:

Das Wort „syneczku“ ist auf Polnisch eine Verniedlichung der Form „Sohn“. Auf Deutsch hätte man hier „Söhnchen“ benutzen müssen, es wäre aber eher unangebracht. Ich habe auf diese Benennung fast überall verzichtet. Dedecius hat es gut hingekriegt! In der 4.Strophe, 1.Vers schrieb er genauso, wie es im Original ist: „heller Sohn“. Kannst du damit etwas anfangen? Was könnte es bedeuten? Ich frage dich, da ich glaube, dass du als Deutscher damit gar nichts machen kannst! Ich werde nächstes Mal auf dieses Problem eingehen. Ich selbst habe es nicht „für nötig“ gehalten, diese Wortgruppe treu zu übernehmen!

Baczynski benutzt in der ersten Strophe zwei Wörter: haftowali (2.Vers) und wyszywali (4.Vers)- beide sind auf Polnisch bedeutungsgleich und bedeuten sticken (ups!!!, das bedeutet, ich und Karl Dedecius, haben beide das falsche Wort genommen !!!) Also es wird nicht gestrickt, sondern gestickt. (Ich freue mich, dass ich noch die Möglichkeit habe, meinen Fehler zu korrigieren!) Das bedeutet aber, von Stricken und Sticken hatte Dedecius keine Ahnung! Damit ist auch das klar, was du geschrieben hast! Rolleyes Und hier zeigt sich auch, man soll nie ohne nachzudenken und einer gründlichen Überprüfung etwas übernehmen. Ich habe die Übersetzung gleich nach dem Original gelesen und dann einfach das Wort gedanklich übernommen. Kopfschuss

Das polnische Wort „ściegi“ (3.Vers)- bedeutet nur die „Stiche“, die beim Sticken entstehen, nicht beim Malen! „W żółte ściegi pożóg“- „Mit gelben Stichen der Brände“, wo „pożoga“ ein sehr großer Brand bezeichnet – dieses Bild habe ich fast wörtlich übernommen. Deswegen habe ich meine Übersetzung „nachgebessert“ und „Sie malten dir in tristen Augen mit rot(em) … Blut“ und „Sie stickten dir das weite Land mit feuergelbem Faden (mit den Stichen)“ geschrieben.
Die Stiche bei Sticken tut man doch mit einem Faden, oder könnte man auch mit dem Blut sticken? Würde man mit rotem Blut sticken und mit gelbem Faden (den Stichen) malen?
Das bedeutet, Baczynski selbst hat hier einen Sachfehler gemacht. Er hatte auch danach keine Zeit seine Manuskripte durchzulesen und die Verse noch einmal zu überdenken. Er war ein Soldat in einer verbotenen Organisation und Student auf einer verbotenen Uni.
Man könnte meinen, er hatte seinen eigenen Tod in diesem Gedicht beschrieben, da er selbst von einem Schützen auf gleiche Weise erschossen worden ist.

Die „fließendhohe Bäume“, finde ich, sind auch nicht übertrieben und können noch im „fließendem Meer der Bäume“ einen passenden Vergleich darstellen. Sie sind ein Gegenstück zum „feuergelben Faden“, da sie beide sich in die Weite erstrecken. Beide hier erzogene Bilder werden gestickt: die Landschaften mit dem Feuer und die Bäume mit einem „Gehängten- Muster“.
In Masowien gibt es noch heute weite Landschaften mit „Flüssen“ von hohen Bäumen. Ich nehme an, so eine vergleichbare Landschaft gab es auch damals, bis alles durch das Feuer zerfressen wurde.
Dedecius hat in seiner Übersetzung die Zeilen 2 und 3 für den Reim getauscht. Die Bilder selbst hat er nicht überdacht.
Ich habe hier meine „Flut“ erfunden und das Blut ausgeschmückt. Dann habe ich auf zweimal „sticken“ verzichtet und „das fließende Meer der Bäume“ anders genannt.
Dedecius hat hier seine „Gewitter“ erfunden, von Landschaften nur eine Landschaft gemacht und traurige Augen wurden von ihm feucht genannt (das kann auch von Tränen kommen). In Original steht aber nichts davon, dass die Augen „rot verbluten“, dafür ist „säumten“ eine sehr schöne Umschreibung zum Sticken, eine Erweiterung des Sticken, die Dedecius mit den Gehängten sehr gut hingekriegt hatte. Wenn es um die Gewitter geht, die sind auch überflüssig, da die Brände nicht in der Natur ihre Ursache hatten.

In der zweiten Strophe (2.Vers) schreibt Baczynski tatsächlich, dass der Soldat die Wege in der Erde ausgeschnitten hatte.

„Mit toten Schritten„- schreibt Dedecius in der 2.Strophe, im ersten Vers- so etwas gibt es im Gedicht nicht- das hat er selbst erfunden. „Und du gingst blind“- wie er weiter schreibt- das ist leider falsch! Der Soldat „ging nicht blind“, sondern im Dunkeln, den Weg tastend. Wenn man weiß, dass im Warschauer Aufstand die Soldaten die Kanalisation benutzten und auch keine Lichter anmachen konnten, damit die Deutschen sie nicht entdecken, dann ist „tastend“ eine bessere Beschreibung. So schreibt es auch Baczynski. Zweitens geht es hier nicht um die Straßen, sondern um die Kanalisationswege.

Genauso kann man in der dritten Strophe, im ersten Vers nicht „Du tratst… ins Dunkel“ übersetzen. Das gibt es auch nicht im Original. Die Soldaten hatten schon ein Versteck in der Kanalisation. Am Ende des Aufstands, als ihnen bewusst war, dass sie verloren haben, versuchten sie sich zu retten und unbemerkt raus aus der dunklen Kanalisation an die Luft kommen. Da kann man nicht sagen: „sie traten ins Dunkel“, sondern- sie traten ins Licht aus der Dunkelheit heraus.
Weiter schreibt Dedecius, dass die Hand des Soldaten "sankt" und "er hatte die Welt bekreuzt". Es wird nicht gesagt, dass der Soldat erschossen wurde und auf dem Boden fiel, das bleibt bei Dedecius ungewiss. Der Soldat hat auch nicht die Welt gesegnet, sondern die Erde auf die er gefallen ist. Sie sollte sein Grab werden. Der Soldat hatte keinen Grund dazu, die ganze Welt zu segnen- das tun nur die Priester.

Ich gebe zu, meine Übersetzung mit „im Heil“ ist etwas ungünstig, aber mehr für die Polen als für die Deutschen. „Das Heil“ ist für die Deutschen mehr als nur das „Heil Hitler!“. Als ein Segen, eine „ Heil bringend[e]“- Bezeichnung hat es auch längere Tradition in der Sprache. Ich hätte es auch nicht gewagt, wenn ich nicht erwartet hätte, dass die Deutschen das Wort nicht gleich mit Hitler in Verbindung setzen. Wenn du einen Vorschlag hast, höre ich ihn gern.

Ich hoffe, dass es hier um eine konstruktive Zusammenarbeit geht und du mir auch erlaubst, die Fehler zu korrigieren.
1. „stricken“ zu „sticken“,
2. "Sollte Brot dir sein"- hätte ich auch übernommen

Viele Grüße,

Serpentina Lindhorst

PS: Ich habe auf das Metrum nicht besonders geachtet, da ich den praktischen Teil des Dichtens noch nicht beherrsche. Ist das „reinrassige“ Metrum in einem „nicht- Sonett“ von größter Bedeutung? Auf jeden Fall hat es mich nicht gestört, dass du geschrieben hast, das Gedicht ist nicht reinrassig. Es hat mich aber gestört, dass ich im Deutschen nicht das gelesen habe, was ich erwartet habe.
07.08.2017 16:36
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #7
RE: Krzysztof Kamil Baczyński: Elegia o...[chłopcu polskim]
Danke, Serpentina,

Vorneweg: Du brauchst dich nicht entschuldigen. Einen Meister zu kritisieren ist kein Sakrileg, zumal er ja offensichtlich fehlbar ist (stricken).
Auch wenn eine Neuübersetzung in der "Gesamtnote" vielleicht nicht an vorherige Arbeiten heranreicht, hat sie natürlich ihre Berechtigung, wenn sie zumindest in Teilaspekten besser ist. Und auch völlig missratene Versuche (was deiner sicher nicht ist) sind doch zumindest ein Gewinn für den Übersetzer selbst, weil doch immer eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Text ist, als würde man ihn nur lesen.

Gerne gehe ich nochmal näher auf die einzelnen Punkte ein. Vielleicht versuche ich sogar eine eigene Fassung, aber im Moment ist mir die Zeit etwas knapp. Ich melde mich auf jeden Fall nochmal zu dem Thema.

Liebe Grüße
ZaunköniG


P.S.: Natürlich kannst du deine Übersetzung jederzeit korrigieren und auch Vorschläge von mir übernehmen, wenn sie dir passend erscheinen.

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07.08.2017 17:38
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Serpentina Lindhorst Offline
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Beitrag #8
RE: Krzysztof Kamil Baczyński: Elegia o...[chłopcu polskim]
Hallo,
ja, natürlich.
Es wäre schön, wenn wir noch über den Text sprechen könnten.
Auf jeden Fall ist da noch die Sache mit dem "hellen Sohn", die ich noch einmal ansprechen wollte. Das ist aber auch ein langes Thema.
Ich habe mich auch gefreut, als ich das Gedicht übersetzt habe, da ich es vor allem für mich getan habe. Ich mag auch, wenn andere Leute diese Gedichte lesen und ihre Meinung sagen.

Bis bald!

Viele Grüße,

Serpentina Lindhorst
08.08.2017 00:00
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #9
RE: Krzysztof Kamil Baczyński: Elegia o...[chłopcu polskim]
Hallo,

Ich habe gerade gelesen, dass Dedecius im vergangenen Jahr gestorben ist. Die Stelle des Meisters ist also wieder vakant.


Mit Blut kann man natürlich nicht sticken. Aber wie ist denn die Etymologie im Polnischen? könnte er auch so etwas wie tätowieren gemeint haben? Ich merke schon: eine steile These. Aber Malen kann man nicht nur mit Stift und Pinsel. im übertragenen Sinn kann man jede Tätigkeit als Malen bezeichnen, bei der ein Bild entsteht. Wobei mich "tätowieren" auf eine Idee bringt: Das Verb "stechen" kann im Sinne von tätowieren die beschriebenen Bilder malen, aber auch medizinisch den Star, also trübe Augen behandeln, dass man wieder klar sehen kann.

"fließende hohe Bäume" würden sich als rauschender Wald in die Weite erstrecken. Wenn Du es zu "fließendhohe Bäume" zusammenziehst entsteht bei mir ein anderes Bild von eher flammenförmigen Baumkronen mit der Bewegungsrichtung also nach oben, so wie z. B. Van Gogh seine Zypressen in verschiedenen Bildern gemalt hat. Das geht aber in Ordnung. Originaltreue ist nicht alles und die Grenzen von Übersetzung und Nachdichtung fließend.

Du wirst bei meiner Fassung sehen, dass ich mir noch größere Freiheiten nehme Teufel2 . Kleinere Erfindungen und Ausschmückungen sind, denke ich, legitim wenn sie Stimmung und Grundaussage stützen und nichts Wesentliches aus dem Textkorpus verdrängen.

In einer neuen GANZ TREUen Übertragung wird manches klarer für mich, andere Fragen bleiben.
Z. B.: Wer sind "Sie" mit denen er sechs Zeilen beginnt?
Mein erster Gedanke war, dass er die Deutschen meint oder allgemeiner den Feind. Aber auf die Zeilen 5 und sieben passt die Deutung nicht so richtig. Meint er ganz allgemein "die Militärs"?

Und: Sind in Zeile 6 die gleichen Wege gemeint, wie in Zeile 8?
Wenn die Kanalisation gemeint ist; die mussten doch nicht eigens ausgeschnitten werden. Ich kann mir vorstellen, dass in Zeile 6 zunächst Schützengräben gemeint sind, als erster schritt von der Ebene der Wälder in die Unterwelt.

"Heller Sohn"

Ohne jeglichen Kontext würde ich annehmen, dass es ein schlauer Junge ist, ein aufgewecktes Bürschchen mit hellem Verstand. Hier in dieser Kriegs- und Leidensmetaphorik wird daraus aber ein Lichtbringer, ein Krieger der Guten Seite, jemand der Hoffnung bringt, über den eigenen Tod hinaus. Es ist ja auch eine fast messianische Leidensgeschichte, die ich in meiner Fassung vielleicht noch etwas deutlicher herausarbeite.

Ich habe auch das Reimschema geändert. Statt der Paarreime habe ich umschlingende Reime gewählt. Dahinter steht kein ausgeklügeltes dichterisches Konzept, aber wenn man alle Aspekte eines Gedichts beachten will, ist die Decke eigentlich immer zu kurz. Ich wollte einfach mal schauen, welche Möglichkeiten sich durch die andere Reimfolge ergeben....



Sie trennten dich, mein Sohn, von zitternd zarten Falterträumen,
Sie stachen dir, mein Sohn, die trüben Augen, bis sie bluten
und malten dir die Landschaft aus mit schwefelgelben Gluten.
Sie stachen dir ein Wäldermeer, gesäumt von Galgenbäumen.

Sie lehrten dich, mein Sohn, mit Spaten deine Heimatlande,
Mit Stahl und Tränen hast du ihre Wege ausgestochen.
Im Dunkeln haben sie, mein Sohn, den Laib der Angst gebrochen
und tastend gingst du diesen Weg der größten Menschenschande.

Hell tratst du mit der Waffe aus dem Dunkel in die Nacht:
Das Böse spürtest du. Minütlich wächst es auf! Wie dräut 's!
Und als du fielst, schlugst du der Heimaterde noch das Kreuz.
War es dein Herz, Sohn, oder ist nur ein Geschoss zerkracht?



So, und jetzt darfst du mich nach Herzenslust abwatschen Big Grin

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 08.08.2017 16:40 von ZaunköniG.)
08.08.2017 16:18
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