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Charles Baudelaire: A une passante
ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 4.959
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #12
RE: Charles Baudelaire: A une passante
Hallo Rainer,

Das ist ein schönes Stück, das Monika Fahrenbach-Wachendorff da abgeliefert hat.
Es ist allerdings Usus im Forum, dass man bei Zitaten die Quelle mit angibt, sonst denkt noch jemand, es wäre deine Übersetzung.

Gruß
ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
24.05.2011 18:12
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M. Friedrich Offline
ABC-Schütze
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Beiträge: 7
Registriert seit: Jul 2011
Beitrag #13
RE: Charles Baudelaire: A une passante
Zaunkönig, das ist eine gelungene Übersetzung, ich würde nur im ersten Vers metrisch variieren wollen. Auch der Titel ist nicht gut gewählt; "vorüber" sein kann alles Mögliche, das ist hier sehr schwammig ausgedrückt. Hier würde ich dann doch am Original kleben bleiben und "An eine Vorübergehende" vorschlagen.

Zitat:Ein Lärm war um mich, der sich durch die Straße schob,

"Ein Lärm bedrang mich, der sich durch die Straßen schob". So wäre es metrisch und silbentechnisch besser. In deiner Version holpere ich bei "Lärm war", beides betont, genauso wie "mich, der". Das sind zu viele Hebungsprälle. Man könnte sie natürlich als Kunstgriff interpretieren, um die Bedrängung des LIs zu verdeutlichen, aber dann sähe es im restlichen Sonett genauso aus. Und das tut es ja nicht. Also würde ich dann doch lieber die ausgeglichene Variante nehmen.
Matthias
Das hier ist meine Übersetzung. Ausgenommen von den Kunstwörtern bin ich damit recht zufrieden.
Aber danke an die anderen Übertragungen für die Inspiration, das hat mir sehr weitergeholfen.

An eine Vorübergehende


Der grelle Straßenlärm schloss mich in ein Tönegrab.
An mir ging eine Schlanke, Aufgeschossene entlang,
erhabne Trauernde, die mit dem Glanz der Ringehand
den Rocksaum hob und ihm ein Schimmern gab;

behände, edel, mit dem Bein, das Mamor glich.
Ich trank aus ihrem Aug, verkrampft und sonderbar,
ein bleicher Himmel, welcher einen Sturm gebar,
die Sänfte, die verführt, die Lust, das Todeslicht.

Ein Blitz … dann war es Nacht! - Die Flucht der Schönen,
ihr Blick, der mir das Leben plötzlich wieder reicht,
wirst du mir nur im Ewigen erfüllen, was ich sehne?

Woanders und weit weg! zu spät! und nie vielleicht!
Du weißt nicht, wo ich bin, ich weiß nicht, wo du bist,
du, die es wusste, ich, der dich vermisst!
26.07.2011 19:46
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 4.959
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #14
RE: Charles Baudelaire: A une passante
Hallo Matthias,

Rythmisch sehe ich meine erste Zeile nicht problematisch, sehe da auch keine Hebungsprälle. Regional verschiedener Sprachgebrauch?
dennoch gefällt mir "bedrang" besser, weil es den Lärm besser in Szene Setzt als Kontrast zur gravitätischen Schönen, die da vorübergeht. Danke für diesen Vorschlag.
Bei der Überschrift denke ich nicht, dass sie sofort alles verraten muss. Die würde ich gerne so lassen.

mit deiner Übersetzung werde ich mich mal in einer Mussestunde befassen. Im Moment bin ich etwas in Eile.
Keine Sorge, ich werde sie nicht zerreissen Wink

Gruß ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
30.07.2011 13:17
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M. Friedrich Offline
ABC-Schütze
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Beiträge: 7
Registriert seit: Jul 2011
Beitrag #15
RE: Charles Baudelaire: A une passante
Nun, was an diesem Abend in meinem Kaffee war, weiß ich nicht mehr, aber ich denke, das metrische Problem war wohl eher auf Persönliches zurückzuführen. Wenn du den Vorschlag jedoch magst, dann ist das gut.
Mit deiner Überschrift bin ich einverstanden, aber man könnte durchaus am Text bleiben (auch wenn ich gestehen muss, dass ich das nicht immer tue).
Auf deinen Kommentar zu meiner Übertragung freue ich mich bereits.
30.07.2011 14:35
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 4.959
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #16
RE: Charles Baudelaire: A une passante
Hallo Matthias,

nun zu Deiner Übertragung.

Dem Wortlaut nach hast du dir manche Freiheit erlaubt, die aber an der Grundaussage nichts wesentliches ändern. das kann man so machen. Zur Form sagst du, dass du die reine Form nichts magst, kritisierst mich aber vor allem metrisch? So ganz kann ich deinen Standort noch nicht bestimmen, da braucht es wohl noch mehr Diskusionen an verschiedenen Texten.
Mit den Kunstworten meinst du vermutlich die Komposita, die ich aber nicht so schlimm finde.
Das Tönegrab wirkt etwas gekünstelt, dazu an so prominenter Stelle... auch ist die Eingangszeile metrisch nicht sauber.
Wenn ich die ersten 3 Zeilen vergleiche lautet das beabsichtigte Schema vermutlich

xXxXxX/XxXxXxX

also ein Siebenheber mit Zäsur nach der dritten Hebung.
In Zeile 1 durch Hebungsprall in 2 und 3 durch Komma.

Nun, Lärm alleine wäre eine Starke Silbe. So zusammengesetzt würde ich Strassenlärm aber daktylisch betonen (Xxx) genau wie Tönegrab, also

xXxXxxXxXxXxx

Was zunächst mal elegisch klingt und damit durchaus passend, aber in den Folgezeilen nicht fortgesetzt wird.
Dass du später zwischen 6- und 7-Hebern wechselst stört nicht weiter, die Zeilen laufen dann größtenteils rund.
Schwierig wird es wieder in Zeile 13: Sie besteht nur aus einsilbigen Worten und kann fast beliebig betont werden.

Du weißt nicht, wo ich bin, ich weiß nicht, wo du bist,
Du weißt nicht, wo ich bin, ich weiß nicht, wo du bist,
Du weißt nicht, wo ich bin, ich weiß nicht, wo du bist,
ect...

Die Ringehand gefällt mir ausgesprochen gut, auch wenn sie wie das resultierende Schimmern wohl nicht im Original stehen. Sie beschreibt die Atmosphäre sehr gut.

In Zeile 5 habe ich mühe mit dem "behände". Etymologisch kommt es von Hand. Und auch wenn es gerne im übertragenen Sinne verwendet wird wirkt es seltsam, wenn man damit ausgerechnet Beine beschreibt.

in Zeile 12 wirkt mir "woanders und weit weg" zu schwach. Was hältst du von
"Zu weit entfernt und viel zu spät."?

In der Schlusszeile wird nicht klar was sie denn wusste. (nämlich geliebt werden zu können) stattdessen wirkt die Zeile als Widerspruch zur Vorigen: Weiß sie nun doch wo du bist?

Deine Übertragung hat zweifellos Potential. Es lohnt sich bestimmt, noch etwas daran zu feilen...


Gruß

ZaunköniG

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(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 29.03.2012 09:50 von ZaunköniG.)
05.08.2011 19:21
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Lomano Offline
ABC-Schütze
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Beiträge: 9
Registriert seit: Oct 2014
Beitrag #17
RE: Charles Baudelaire: A une passante
Hallo liebe Forumsmitglieder,
die Übersetzungen in diesem Thread haben mich dazu angeregt, es auch mal zu versuchen. Dabei ist Folgendes entstanden:

An eine Passantin

Der Straßenlärm, der um mich heulte, war betäubend fast.
In Schmerz und Trauer majestätisch, schlank und groß,
Ging eine Frau vorbei, das Kleid, das sie umfloß,
Am Saum hochhebend mit der Hand, die prunkte mit der Last;

Voll Anmut, edel, und ihr Bein weiß, wie gemeißelt.
Und ich, ich trank erstarrt, als wäre ich im Wahn,
Aus ihrem Auge – fahler Himmel, trächtig mit Orkan –
Die Süße, die uns bannt; die Lust, die uns zu Tode geißelt.

Ein Blitz... dann Nacht! Jäh wurde ich erneut geboren
Bei Deinem Anblick, Schönheit, die vorbeiging und entfloh,
Und hab Dich nun bis in die Ewigkeit verloren?

Zu spät! Nie mehr vielleicht! Ach, Du bist anderswo!
Ich kenne nicht den Ort, an den Du gehen mußtest;
Ich hätte Dich geliebt und sah, daß Du es wußtest!


Ein Einblick in die "Werkstatt", Alternativen der letzten beiden Zeilen:
Der Ort, an den Du gingst, ist mir für immer unbekannt,
Doch hätt ich Dich geliebt, oh Dich, die das verstand!

Du weißt nicht, wo ich bin; wer weiß, wohin Du gingst?
Doch sahst du meine Liebe, als Du den Blick auffingst.

Wir sind einander fern und unbekannt und fremd –
Ich hätte Dich geliebt, das sahst du in diesem Moment.

Wir sind einander fern und fremd und unbekannt –
Doch hätt ich Dich geliebt, oh Dich, die das verstand!

Wir sind einander fern, getrennt durch das Geschick;
Ich hätte Dich geliebt, das wußtest Du in diesem Augenblick!


Womit ich nicht ganz zufrieden bin:
- der Ausdruck „trächtig mit Orkan“ (der fehlende Artikel [metrisch notwendig] wirkt etwas gekünstelt; die mögliche Alternative „trächtig vom Orkan“ würde etwas anderes bedeuten als hier gemeint ist)
- daß im vorletzten Vers das „Unwissen“ der vorübergehenden Frau wegfällt

Was meint ihr?

Viele Grüße
Lomano
21.10.2014 20:20
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 4.959
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #18
RE: Charles Baudelaire: A une passante
Hallo Lomano,

Beim Orkan stört mich der fehlende Artikel nicht. es ist ja kein Bestimmter, konkreter Orkan gemeint, sondern Orkan als Phänomen.
"Ich habe auf Sand gebaut" kommt auch ohne Artikel aus.
Bei den Schlußzeilen gefällt mir die vorletzte Version am besten, wobei ich "...die mich verstand" schreiben würde. "...die es verstand" klingt mir zu abstrakt, nach einer allgemeinen Menschenkenntnis. Hier aber geht es um das konkrete und spontane erkennen des Anderen, selbst wenn es nicht wirklich bewußt geschieht, um ein "sich auf einer Wellenlänge begegnen."

Insgesamt ist es ein solides Stück.
Schwächer finde ich das Reimpaar fast/Last:

"fast" nimmt dem Satz die Intensität des Unmittelbaren, die ich für diesen Text für wichtig halte.
Die Last, an der sie litt sollte sich auf ihre Trauer beziehen. Bei dir bezieht sie sich auf den Rocksaum, was der Frau im Grunde ihre Anmut nimmt. Der Eindruck soll doch sein, dass sie trotz ihrer Trauer Haltung bewahrt. Ein schwerer Rock, der auch physisch an ihr zerrt, passt da nicht.

Die Unwissenheit der Frau ist ja nur die Spiegelung der eigenen Unwissenheit, die so nochmal verstärkt wird. Die Situation an sich ist ja klar: Natürlich wissen zwei Fremde nicht voneinander wohin... Man kann praktisch nie jedes Detail herüberretten. An dieser Stelle finde ich es nicht weiter schlimm. Die Schlüsselstellen sind andere.


Liebe Grüße

ZaunköniG

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23.10.2014 16:36
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Lomano Offline
ABC-Schütze
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Beiträge: 9
Registriert seit: Oct 2014
Beitrag #19
RE: Charles Baudelaire: A une passante
Ich kann deine Einwände gut nachvollziehen.
Bei "fast" und "Last" könnte ich mir noch andere Reime überlegen, um die beiden von dir wohl zurecht kritisierten Mängel auszubügeln.
Bei "... die mich verstand" muß ich aber widersprechen - das würde den Sinn des Originals entstellen, denn es geht ja nicht um eine Seelenverwandtschaft, sondern um eine zufällige, flüchtige erotische Begegnung im Getümmel der Stadt.

Viele Grüße
Lomano
23.10.2014 17:43
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 4.959
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #20
RE: Charles Baudelaire: A une passante
Naja, da habe ich mich wohl unklar ausgedrückt. Mit der Wellenlänge meinte ich keine Seelenverwandtschaft in dem Sinne, dass dort ein Anlass für Liebe auf den ersten Blick wäre. Diese Gefühle sind hier sehr einseitig, werden aber von der Passantin durchaus im hier und jetzt erkannt, wenn auch nicht erwidert. Ich denke, auch für sie ist es nicht "der Mann an sich" der eben mal einer schönen Frau hinterher schaut, sondern wird durchaus als Individuum in seinen Leiden und Sehnsüchten wahrgenommen, auch wenn er der Falsche ist, oder die Begegnung zur Unzeit kam.
So zumindest meine Lesart, hat Lyrich die Begegnung erlebt.

ZaunköniG

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23.10.2014 17:56
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Rohrer Offline
Federgewicht
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Beiträge: 47
Registriert seit: Jun 2018
Beitrag #21
RE: Charles Baudelaire: A une passante
Angeregt durch Eure Arbeit, hier mein bescheidener Versuch:


Einer Vorübergehenden

Die Straße um mich schrie, schien ohne Halt zu beben.
Dort schritt sie groß und schlank, die Schmerz und Trauer fassten,
vorbei; des Mantels Saum ⋅ sah ich die Frau ertasten,
um majestätisch stolz ⋅ die Borte bald zu heben;

Welch edelster Basalt ⋅ als sie die Füße senkt.
Aus ihren Augen trank, die mich im Wahne kühlten,
ich stilles Himmelblau, wo längst Orkane wühlten:
Die Lust bringt jedem Tod, den ihre Süße fängt.

Ein Blitz ... dann Nacht! und als die Schönheit weiterzog,
da ich, grad neu geborn ⋅ schon ums Vermissen wusste:
Ob je ein Wiedersehn ⋅ mit dir die Zeit erwog?

Zu spät? Man ahnt ja nie, wie man zuweilen irrt,
doch keiner weiß wohin ⋅ der andre eilen wird!
Ich hätte dich geliebt ⋅ dich, die drum wissen musste.
17.02.2019 00:58
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