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D. G. Rossetti: Inclusiveness
Sneaky Offline
Metrik-Matador
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Beiträge: 1.621
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #1
GB D. G. Rossetti: Inclusiveness
Inclusiveness

The changing guests, each in a different mood,
sit at the roadside table and arise;
and every life among them in like wise
is a soul`s board set daily with new food.
What man has bent oèr his son`s sleep, to brood
how that face shall watch his, when cold it lies?—
or thought, as his own mother kissed his eyes,
of what her kiss was when his father wooed?

May not this ancient room thou sitt`st in dwell
in separate living souls for joy or pain?
Nay, all its corners may be painted plain
where Heaven shows pictures of some life spent well;
and may be stamped, a memory all in vain
upon the sight of lidless eyes in Hell.

Alle Blickwinkel

Die Gäste wechseln stets, ein jeder zieht
ein anderes Gesicht, steht auf, geht fort,
ihr Leben ist heut hier und morgen dort,
ein Tisch, der täglich neu gedeckt sich sieht.

Kein Vater, der den Schlaf des Sohns bewacht
hat doch “ Sieht er je mein Gesicht im Tod?,“
und bei der Mutter Kuss im Abendrot
„wars so, als Vater um sie warb“ gedacht?

Lebt dieser alte Raum, in dem du bist
zur Freude einem, anderen als Leid?
Ich denke nicht. Er bleibt so wie er ist
im Himmel - wars ein Leben voller Freud -
gleich eckig wie im Höllenreich. Nur glüht,
er wertlos dort, vor Augen ohne Lid.

Never sigh for a better world it`s already composed, played and told
17.01.2008 18:47
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 5.106
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #2
RE: D. G. Rossetti: Inclusiveness
Hallo Sneaky,

Irgendwie ist dies Gedicht durchgerutscht, dabei wollte ich es noch kommentieren.
Ein guter Text, wie man bei Rossetti ja ohnehin kaum daneben greifen kann.
Bei der Interpretation des Textes bin ich nicht ganz auf deiner Linie, wobei ich auch noch nicht ganz durchblicke. Zumindest sind einige Stellen auch in deiner Version recht undurchsichtig formuliert. Vor allem das zweite Quartett mit dem Einschub im Einschub läßt sich schwer lesen. und in Zeile fünf "sieht sich der Tisch"?
Die Schlußzeilen lese ich so, daß er selbst in das Höllenfeuer blickt und seine Augen davor (ohne Lid) nicht verschließen kann.

Soweit die formale Kritik an deiner Übersetzung.
Wie gesagt, bin ich mir über die Interpretation selbst nicht ganz im Klaren, aber ich möchte dennoch einen anderen Ansatz in die Diskusion werfen:

Im ersten Quartett bin ich über den "roadside table" gestolpert. Ein Tisch am Straßenrand? Wo soll sich die Szene denn abspielen? Wenn ich berücksichtige, daß es in den Terzinen um einen Vater geht, der seinen verstorbenen Sohn betrauert, dann neige ich zu der Interpretation, daß "table" hier nicht der Tisch ist, sondern das Verb "sich in eine Liste eintragen".
mir fällt dazu ein Kondulenzbuch ein, in das sich die Gäste eintragen. Menschen, die sich vielleicht seit Jahren nicht mehr gesehen haben, die auf unterschiedlichste Weise mit dem Toten verbunden waren, daher auch unterschiedliche Gefühle hegen, aber doch, bei aller Verschiedenheit, in diesem Moment eine Verbundenheit spüren. So würde ich dann auch den Titel übersetzen: "Verbundenheit" oder "Zusammengehörigkeit". Deine "Alle Blickwinkel" sind mir hier zu nüchtern.

LG ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
20.04.2009 09:28
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 5.106
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #3
RE: D. G. Rossetti: Inclusiveness
Nun habe ich mich doch für einen anderen Titel entschieden...


Alles in Allem

Verschiedenen Gemüts trägt Gast für Gast
sich leise in das Kondulenzbuch ein.
Ihr Leben scheint der Liste gleich zu sein:
Ein Seelenaushang, täglich neu verfasst.

Was grübelt jener, überm Sohn, der starb,
ob denn der Tote um die Andacht wüßte?
Und wenn die Mutter ihm die Augen küßte:
"War es nicht so, als Vater um sie warb?"

Kann dies Gemäuer einem mit der Zeit
zur Freude werden, anderen zum Leid?
Ein schlichter Kalkputz nur, wohin man sieht.
Der Himmel projeziert das Glück des Lebens,
doch brennt sich die Erinnerung vergebens
als Höllenqual in Augen ohne Lid.

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
14.05.2009 10:00
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Sneaky Offline
Metrik-Matador
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Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #4
RE: D. G. Rossetti: Inclusiveness
Hallo Zaunkönig,

schön dass es jetzt auch eine Version von dir gibt. Ums von hinten her zu sagen. Die Terzette gefallen mir sehr. Im zweiten Quartett bist du aber nicht am Werk. Dort beugt sich der Vater über den Sohn und stellt sich vor, dass dieser Sohn sich einst über sein, des Vaters Gesicht beugen wird, wenn er im Sterben liegt. Aktuell gestorben ist da an dieser Stelle keiner.

Etwas verwundert bin ich über das Kondolenzbuch. Das sehe ich so nicht. Andererseits ist S 1 Z 4 wieder sehr passgenau. Guck einfach noch mal drüber.

Gruß

Sneaky

Never sigh for a better world it`s already composed, played and told
14.05.2009 11:53
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beiträge: 5.106
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #5
RE: D. G. Rossetti: Inclusiveness
Hallo Sneaky,

Wie ich schon in meinem ersten Kommentar angemerkt hatte, habe ich Schwierigkeiten die Szene zu verorten. Du siehst es offenbar als eine häusliche Szene. Bei welcher Gelegenheit beugt sich der Vater über den Sohn? Wenn da gleichzeitig so ein Kommen und Gehen im Haus ist, sehe ich keinen Anlaß. Und warum ist der Tisch an der Straße, bzw am Weg?

Im zweiten Quartett habe ich mich auch formal schwer getan.
Ich sehe hier den Grundgedanken, daß es nicht nichtig ist, wenn die Kinder vor den Eltern sterben: "Er hätte sich einst so über mich beugen sollen..."

Ich habe übrigens noch eine fremde Übersetzung gefunden. Sie überzeugt mich auch nicht so ganz, aber um einfach mal eine weitere Interpretation einzuwerfen:


Zitat:Abgeschlossenheit
Ü: Else Schenkl

Zum Tisch am Wege kommen reich an Zahl
Und bunt an Art die Gäste und erheben
Sich wiederum. Es wird für jedes Leben
Der Tisch der Seele neu besetzt mit Mahl.

Sinnt doch kein Mensch: wenn ich dereinstens starb,
Mit welchem Antlitz steht mein Sohn daneben?
Die Küsse, die die Mutter mir gegeben,
Sinds andre, als um die der Vater warb?

Es wohnt vielleicht ein Bild von diesem Raume
Des alten Hauses im Erinnrungstraume
Viel spätrer Seelen; vielleicht prangts für immer

Dort, wo das Gute ewig ward, im Schimmer
Des Jenseits, oder drängt sich durch die Nacht
Der Hölle, wo die Reue schlaflos wacht.

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
14.05.2009 20:23
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Sneaky Offline
Metrik-Matador
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Beitrag #6
RE: D. G. Rossetti: Inclusiveness
Hallo Zaunkönig,

das zweite Quartett verorte ich eher häuslich im Sinne von familiär. Die erste Szene sehe ich als das Leben selbst, das ein Gasthaus ist. In dem setzen sich die Akteure täglich neu und finden neue Nahrung und andere Ansichten in die Gedanken. Die Gasthausmetapher hab ich mal bei Omar Chayyam gelesen, von daher hab ich das ganz unproblematisch mitgenommen, ohne groß darüber nachzudenken. Ich habe in meiner Fassung versucht das zu wahren , indem ich Gäste genommen habe. Aber die Verbindung ist natürlich nicht zwingend.

Das zweite Quartett seh ich als Paraphrase auf "alle Blickwinkel" deswegen auch meine Titelwahl. Man kann das Bild wenn der Vater sich über das schlafende Kind beugt ja aus verschiedenen Einstellungen sehen? Und das ist das, was Rossetti hier mE gemacht hat. Die Liebe des Vaters gelenkt zum Gedanken, sieht er mich auch mal so? d.h. ich liege auf dem Lager und der Sohn beugt sich über mich? Dassselbe nochmal, wenn er von seiner Mutter einen Kuss bekam und dachte, hat sie meinen Vater so geküsst?

Und dass ich da falsch übersetzt habe, merke ich erst durch das Schenkl Gedicht. Schonmal gut, hilft weiter in meiner Betriebsblindheit.

Gruß

Sneaky

Think, in this batter'd Caravanserai
Whose Doorways are alternate Night and Day,
How Sultán after Sultán with his Pomp
Abode his Hour or two, and went his way.

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15.05.2009 10:11
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beitrag #7
RE: D. G. Rossetti: Inclusiveness
Hallo Sneaky,

In deiner Version ist das Leben des Lyrich das Gasthaus, in welches täglich andere Menschen treten und wieder gehen. Das ist in sich schlüssig. In Else Schenkl's Übertragung lese ich eher das Leben an sich in welchem die ewigen Seelen nur kurz zu Gast sind. Auch ein reizvoller Gedanke, aber da paßt das 'täglich' nicht rein.

Ich hadere auch mit ihrem "starb". Vermutlich hat sie nur um des reimes willen nicht "sterb" geschrieben. Eine heikle Sache, zumal "dereinst" ein unbestimmter Zeitpunkt ist, der genauso in der Zukunft, wie in der Vergangenheit liegen kann. Da kommen dann Assoziationen von Seelenwanderung, die da nach meiner Meinung nicht hingehören.

Ich bleibe dran

LG ZaunköniG

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(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 20.06.2009 21:42 von ZaunköniG.)
15.05.2009 11:32
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beitrag #8
RE: D. G. Rossetti: Inclusiveness
Dann versuche ich es nochmal neu mit dem Tisch. Vielleicht habe ich mich auch unnötig an der Straßenseite festgebissen.


Alles in Allem

Wie ich die Gäste komm' und gehen seh,
verschiedenen Gemüts - und zahlenreich -
scheint mir ihr Leben einer Tafel gleich:
Der Seele ein lukullisches Buffet.

Wer grübelt schon: "Muß ich dereinstens sterben,
ob ich den Sohn an meiner Seite wüßte?" -
und wenn die Mutter ihm die Augen küsste:
"Hat sie es so gefühlt bei Vaters Werben?"

Kann dieser Raum dem einen mit der Zeit
zur Freude werden, anderen zum Leid?
Ein schlichter Kalkputz nur, wohin man sieht.

Im Himmel zeigt sich alles Glück des Lebens,
doch brennt sich die Erinnerung vergebens
als Höllenqual in Augen ohne Lid.

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 19.09.2009 19:33 von ZaunköniG.)
26.05.2009 06:58
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Sneaky Offline
Metrik-Matador
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Beitrag #9
RE: D. G. Rossetti: Inclusiveness
Hallo Zaunkönig,

Hut ab bei deiner letzten ÜBertragung. Die ist stark, vor allem im Schlusscouplet.

Das komm- ist ein bisschen Kunstgriff, was spricht gegen "kommen, gehen seh"?

Gruß

Sneaky

Never sigh for a better world it`s already composed, played and told
19.09.2009 19:14
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #10
RE: D. G. Rossetti: Inclusiveness
Hallo Sneaky,

Ich finde schon daß das "und" dahin gehört, auch wenn ich es nicht wirklich begründen kann. Mein Sprachgefühl eben. Beim "kommen" wird hier gerne die letzte Silbe verschluckt. Ich halte das auch in der Schriftform vertretbar. Es muß dann allerdings apostrophiert werden. Dieser Querstrich ist natürlich falsch. Ich weiß nicht mehr was oder ob ich dabei gedacht habe.

Gruß ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
19.09.2009 19:33
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