Dirk Schindelbeck                Bey Familie Müsli

*1952

Das frische Dinckelbrot aus eignem Schroth und Korn!

Der heiße Fencheltee, gesüßt mit Honig nur!

Bey Müslis koemm ich itzt dem Vollwerth auff die Spur.

So abgelebt diß scheint/ man ist im Geiste vorn.

 

Nichts hat Synthetic hir/ nichts Plastic hir verlorn,

denn man denkt abbaubar. Nach jeder Frühjahrsschur

webt man sich sein Gewand: So wird Natur Cultur.

Sein Bett schnützt man sich selbst mit Beitteln, Leim und Dorn.

 

Wie urig! Wie autark! Ich greiff in meine Tasche

Vnd lade hertzlich ein aff eine feine Flasche

Champagner... Man wehrt ab/ man trinke höchstens Most.

 

Doch Gährung als Prinzip sey zweifellos zu loben,

Verrottung auch. Indes bekomm ich hingeschoben

Ein Schälchen mit Compott – ich dachte schon Compost.

 

 

 

Dirk Schindelbeck                Ölpest (1980)

*1952

So müde schleppt die Flut sich an den Strand,

so müde! Dicke, dicke Decke quatscht.

Die Muschel fällt wie tot aus hohler Hand.

Noch gestern hatt’ sie lustig hier geplatscht.

 

Fern große Schiffe ziehn am Horizont,

von leichten Zeiten voll und wundersam –

ich stehe auf dem alten Muscheldamm,

der schwarze Schlamm liegt silbern übersonnt.

 

Ein Mövenjunges neben meinem Fuße

versinkt lautlos. O schweres kurzes Leben!

Es kommt ein leichter Wind auf. Fliegt, ihr Flocken!

 

Ich kehre mich, dem alten Land zum Gruße

und kann nichts tun als mich nach Haus begeben,

die Stirne übersät mit schwarzen Pocken.

 

 

 

 

Dirk Schindelbeck                Im Doppelpack (1991)

*1952

(In memoriam Hugo Egon Balder,

dem Moderator der ersten Striptease-Show

im Deutschen Fernsehen „Tutti frutti“, RTL 1990)

 

 

„Ihr süßen Früchtchen ihr, ihr Kiwis herb und grün,

Zitronen, Ananas - wer will euch nicht vernaschen?

Schon steht im kurzen Kleid und rosa Herzchen-Taschen

Yvonne aus Aplerbeck an unsrer Slot-Maschine,

 

kriegt tausend Punkte nur. Auf, zeig dich, Tänzerin!

Da weiß man, was man(n) hat. Jetzt öffnet sie die Laschen,

noch nicht, noch nicht so ganz. Oh dickes Überraschen:

Was kugelt da hervor im Doppelpack? Chin, chin!

 

Ganz groß, Yvonne, Applaus. Dein Punkte-Konto steigt,

jedoch gewinnt hier nur, wer auch Verstand gezeigt.

Die Frage also heißt: Kommt auch dein Geist auf zack?

 

Wo steht, in welcher Stadt, der Kölner Dom, Yvonne?

Drei kleine Tipps: Sie liegt am Rhein, es ist nicht Bonn,

und die Figur des Doms ist auch ein Doppelpack.“

 

(erschienen in Eulenspiegel, Nr. 9/1992, S. 57)

 

 

 

 

Dirk Schindelbeck                Ostern im Disney-Land   (1993)

*1952

Der Osterhase lässt die Turbodüse an:

Ein Funkenspiel blitzt auf am Leitwerk der Rakete.

Er drückt den Hebel vor, da reißt die schwere Kette

des Katapultes ihn auf seine Umlaufbahn.

 

Den großen Looping hat der Hase bald passiert.

Die Kinder brüllen: „Heb’, o Pappi, heb’ mich höher!“

Der Todeskurve kommt der Hase rasend näher,

die auf den Scheitelpunkt der Achterbahn ihn führt.

 

Die Kinder brüllen: „Schaut, o schaut doch! Mammi, Pappi!

Wie mutig er doch ist, der liebe Langohr-Schlappi!

Wie klatscht sein Ohrenpaar ihm um den Gummikopf.

 

Gleich drückt er wieder mal die Auswurftaste nieder

und Schokolade spuckt’s und Eier regnet’s wieder.“ 

Der Hase drückt und drückt, doch es versagt der Knopf.

 

 

 

                                                                          

 

Dirk Schindelbeck                morgenzeitung (1975)

*1952

wort an wort und wort an wort

schwarz auf weiß und schwarz auf weiß

klettern lettern   kleben heiß

auf papier und formen MORD

 

wort an wort und dicht an dicht

rattert jedes wort zum ort

TAT an SPÄT und MANN an MORD

und aus punkten sein gesicht

 

walzen rollen richtung morgen

scheren schneiden kreischend grell

gabelstapler werden laut

 

stapeln   stapeln   ohne sorgen

denkt ein mann und stapelt schnell

während er sein brot verdaut

 

 

 

 

 

Dirk Schindelbeck                Sonett vom Eisenertz

*1952                                                   (Lehrgeticht in Barock-Schreibweise)

 

Als rohes Eisenertz/ mit Taubgestein[1] gebrochen/

   zerkleinert und gesibt/ zum Hafen expedirt/

   nicht anders auch als Sand per Seefracht importiert/

gelagert/ vorsortirt im Mischbett[2] lange Wochen

zum Sinter-Schwamm[3] verdickt/ als Möller[4] dann zum Kochen

   mit Koks und Zuschlagkalck[5] dem Ofen eingeführt/

   bis sich der Schwefel löst/ der Phosphor Gichtgas[6] wird/

und endlich schlacken-frey gluthflißend abgestochen/

   erkaltet als ein Brey/ zu festen Masseln[7] jetzt

   erstarrt/ ein Vorprodukt/ so wieder eingesetzt

dem Kupolofen[8]: neu verflüssigt und verschmolzen

   zu schmiedbar hartem Stahl/ gezogen kalt[9]/ gedreht/

   gefräst/ gekörnt/ legirt/ ist dieses/ was ihr seht/

ein unscheinbares Theil/ doch ziemlich harter Boltzen.

 

 

 

Dirk Schindelbeck                In der Werbeagentur

*1952

© beim Autor

„Und nun zu Hölderlin, der neuen Body-Lotion,“

drängt Art-Director Mike: „Das ist nicht wie Tandil,

da geht ein Feeling ab, versteht ihr, ein Gefühl,

allein der Name bringt schon tierisch viel Emotion.

 

Der Spot in etwa so: Azurblau liegt der Ocean

weit hinten, davor Schaum, Wind, Wellen, nicht zuviel.

Da! Aus dem Wasser taucht ein griechisches Profil:

Ist das nicht Hölderlin? Er ist’s! Er bringt die Lotion!

 

Musik rauscht aus dem Meer: ‚Ich bin die Lotion, denk!’

Die Sonne kurz und heiß. Dann die Totale, Schwenk

zum Strand hinüber auf die nackte Diotima.

 

Er kommt und sieht sie an. Wie schön ist dieses Paar!

Die Faces strahlen, Schluss. Die Botschaft voll und klar:

Auch Dir schenkt Hölderlin sein sanftes Körper-Klima.“

 

 

(abgedruckt in: Lyrik heute. Eine Auswahl neuer deutscher Lyrik, Edition L, Hockenheim 2002, S. 26)

 

 

 

 

 

 

 

 

Dirk Schindelbeck                Die Kaffeefahrt

*1952

© beim Autor

Wer günstig reist (wie ich) zur Wartburg, wo einst Luther

die Bibel teutschte, tut dies heut per Kaffeefahrt

im komfortablen Bus. Da wird an nichts gespart:

Im Preis sind inklusiv zehn Eier, ein Stück Butter.

 

So bildet man sich leicht und kommt noch gut in Futter.

Gemütlich kehrt man ein, wo schon der Gastwirt harrt

bei Soße, Blumenkohl und Schweinebauch. „Sehr zart!“

ertönt ringsum das Lob manch dröger Schwiegermutter.

 

Im Nebenraum sodann erfolgt ein süßer Schreck:

Ist das nicht Gottfried Sülz? Er feiert sein Comeback

just hier, er singt für uns, macht die Gesichter strahlen,

 

empfiehlt auch, was ihm hilft: Ein Rheumadecken-Set

für dreizehnhundert Mark. Da wird auf seinem Bett

selbst Luther noch erlöst in diesem Set sich aalen.

 

 

(abgedruckt in: Lyrik heute. Eine Auswahl neuer deutscher Lyrik, Edition L, Hockenheim 2002, S. 27)

 

 

 

 

 

 



[1] Taub-Gestein: beim Abbau des Eisenerzes anfallendes Gestein mit keinem oder sehr geringem Eisenerzanteil, das schon im Eisenerzbergwerk ausgeschieden wird.

[2]  Mischbett: Anlage, auf der verschiedene Eisenerze je nach gewünschten Eigenschaften für den Hochofenbetrieb gemischt und vorbereitet werden.

[3]  Sinter: Anlage, in denen die Feinerze und anderen eisenhaltigen Rohstoffe unter Zugabe von Koksgrus und Prozesswasser „gesintert“, also zu schwammartig-porösen Stücken vorbereitet werden, da der Hochofen solches Einsatzmaterial ausreichender Festigkeit verlangt.

[4] Möller: Bezeichnung des Hüttenmannes für das gesamte im Hochofen eingesetzte zu schmelzende Material.

[5] Zuschlagkalk: neben Koks und gesintertem Erz der wichtigste Zuschlag im Möller der Hochöfen. Der Kalk verhindert unerwünschte chemische Prozesse bei der Schmelze und sorgt für einen besseren Betrieb des Hochofens sowie eine leichtere Schlackenbildung.

[6] Gichtgas: Nebenprodukt bei der Stahlerzeugung.

[7] Masseln: quaderförmige Blöcke, zu denen das flüssige Eisenerz unmittelbar nach dem Hochofenabstich vergossen werden kann.

[8] Kupolofen: kleinerer Hochofen, speziell eingerichtet, um Vorprodukte wie Roheisenmasseln in einem zweiten Schmelzverfahren zu veredeln und Stähle unterschiedlicher Qualitäten und Eigenschaften zu erzeugen.

[9] Kalt ziehen: mechanisches Bearbeitungsverfahren zur Formung von Stählen nach dem Verlassen des Hochofens.