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Victor Hugo: Boaz schlief
Sneaky Offline
Metrik-Matador
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Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #1
Frankreich Victor Hugo: Boaz schlief
Boaz streckt` auf der Tenne seine Glieder
ermüdet nach der Fron auf seinem Land
auf Decken, ausgelegt von eig`ner Hand,
schloss zwischen Haufen reifen Korns die Lider.

Noch mehr an Frucht stand reif auf Feld und Weiden,
denn er war reich, und mehr: ein guter Mann:
die Quellen rein, dass klares Wasser rann,
er schmiedete nur Werkzeug, keine Schneiden.

Sein Bart floss silbern wie ein Frühlingsbach,
die Garben band er reich, doch ohne geizen,
denn sah er Landlose bei seinem Weizen,
ließ er den Wanderern, was jeder brach.

Sein Denken war voll Würde und gelassen,
die Kleidung reinlich, aber immer schlicht,
mildtätig gegen Arme mehr als Pflicht,
ließ er sie reichlich aus den Speichern fassen.

Gerecht zu Dienern, treu dem eig`nen Blut,
war er bescheiden, ebenso verlässlich,
so schien er Frauen weder schwach noch hässlich
und besser als ein Jüngling voller Glut.

Ein alter Mann, der schon vom Himmel spricht,
mag zeitlos sein trotz vielen harten Jahren;
Wo junge Männer wie die Flammen waren,
sah Ruth in ihm ein starkes, klares Licht.
*****
So lag er schlafend in der Dunkelheit
auf seinem Bett aus ausgedrosch`nen Ähren,
die Diener, so als ob sie Krieger wären,
um ihn in einer Nacht vor alter Zeit.

Die Richter führten damals die zwölf Stämme
der Juden wandernd durchs gelobte Land,
da sah man Riesenspuren tief im Sand,
noch nass von einer Flut zu groß für Dämme.
*****

Wie Jakob, Judith lag auch Boaz da,
in tiefem Schlaf auf einem Bett für Knechte,
da stand der Himmel weit, Gott der Gerechte,
schickte ein Bild ihm, dass er träumend sah:

Aus seinen Lenden keimte prangend groß
ein Eichbaum, draus ein Volk, stolz und gerade,
an seiner Wurzel sang ein Hirtenknabe,
in seiner Krone starb ein Göttersproß.

Da seufzte Boaz traurig und er sprach:
Wie soll ein solches Reis aus mir erstehen,
der mehr als achtzig Winter hat gesehen?
Ich hab nicht Frau noch Kind, bin alt und schwach.

Mein Weib, Herr, die mein Bett mit mir geteilt,
nahmst du zurück, sie ruht schon lang in dir,
lebt als Erinnerung noch halb in mir,
und ich halb tot, bis Tod mich ganz ereilt.

Kann dann ein Volk aus meinem Blut entstehen,
und eine Eiche aus so dürrem Holz?
Ja, früher noch, da ließ der Jugendstolz
mich solche Tage in den Träumen sehen.

Doch heut` bin ich entlaubt in Winterwinden,
verdorrt, verwitwet, einsam und allein,
und meine Seele, Herr, will bei dir sein,
wie durst`ges Vieh sich sehnt nach Wassergründen.

Er schlief, doch spürt die Zeder kein Gewicht,
rankt eine Rose an ihr, die Vision,
schien ihm, als kniete er vor Gottes Thron,
die Frau zu seinen Füßen sah er nicht.
******

Er schlief, als Ruth die Moabiterin,
berührt von etwas, das ihr Herz erregte,
sich auf die Bettstatt ihm zu Füßen legte,
als Weib, nicht nur als bloße Dienerin.

Doch Boaz spürte nichts von dieser Frau,
noch wusste Ruth, was Gott der Herr sie hieß,
als Nachtwind leise durch Narzissen blies,
und Juda träumend lag in kühlem Tau.

Die Dunkelheit vermählte sich mit Schweigen,
das eines Engels leises Flügelschlagen
kaum unterbrach, und wie sie träumend lagen,
da tanzten blaue Schatten Hochzeitsreigen.

Und Boaz Atem wurde tief und sacht,
wie Wasser über moosbedeckten Steinen,
und auf den Hügeln öffneten die reinen
schneeigen Lilien sich in Blütenpracht.

Und Boaz schlief, doch Ruth lag halb erwacht,
durch schläfriges Geläut von Herdenglocken
zur falschen Dämm`rung, die mit leisem Locken
den Löwen zieht zur Tränke in der Nacht.

Und alles schlief von Ur bis Bethlehem,
sternstaubbedeckt schwieg der Damast der Nacht,
doch westwärts schwoll ein Sichelmond voll Pracht,
als Ruth die Augen gen Jerusalem

gewandt sich fragte, was er ihr verhieß:
Ob heut ein Sommergott das Herz ihr lenkte,
von Ernte sang und ihr ein Zeichen schenkte,
als er im All die gold`ne Sense ließ?

Never sigh for a better world it`s already composed, played and told
30.01.2007 18:49
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