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Rosa Mayreder: Zwischen Himmel und Erde
ZaunköniG Offline
Matre du Sonnet
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Beiträge: 4.619
Registriert seit: Jan 2007
Beitrag #1
Rosa Mayreder: Zwischen Himmel und Erde
Petra an Laurentius?

Rosa Mayreders "Zwischen Himmel und Erde" ist ein Zyklus aus 105 Sonetten, alle streng geformt nach dem Schema 'abba abba cdc ede'.

Das erste Sonett, eine Klage an Gott über die Täuschungen Amors ist als Mottogedicht dem Zyklus vorangestellt. In vier Kapiteln 'Erstes Begegnen', 'In den Höhen', 'Niedergleiten' sowie 'Wandlung und Ende' Wird der Verlauf einer Liebe beschrieben, die am Ende scheitern muß.

Eine unerfüllte Liebe in Sonetten; ein Vergleich mit Petrarcas 'Canzoniere' oder Dantes 'Vita Nova' drängt sich auf; Doch dieser Zyklus ist von einer Frau geschrieben und 700 Jahre jünger. Verlegt 1908 bei Diederichs in Jena, ist der Band nun selbst 100 Jahre alt. Über manche antiquierte Wendung kann man da getrost hinwegsehen. Was schon auf den ersten Seiten auffällt ist der gleitend schreitende Gesang ihrer Zeilen. Rosa Mayreder ist eine Meisterin der strengen Form. Offensichtlich war dieser Kranz von Beginn an auf größere Distanz angelegt, jedenfalls vermisse ich nicht die Handlung in den ersten Sonetten; Gerne lasse ich mich in ein Stimmungsbild entführen, das genau betrachtet, nichts konkretes beschreibt: Ein tiefes Atemholen für das, was später noch zu sagen ist: Der Zauber der ersten Begegnung, die Frage, wie man sich näher kommt und die wunderbare Erkenntnis, schon gewonnen zu haben, da man ja mit leeren Händen kam.
Die Rosendornen, der Morgentau, das ganze Füllhorn Petrarkischer Tradition wird hier ausgeschüttet; alles in allem sehr stimmig, man nimmt ihr jede Silbe ab, aber im ersten Kapitel noch wenig Überraschendes.

Zitat:Es glänzt dein Aug in wunderbarer Helle!
Erfüllt von einem mystischen Entzücken
Such' ich geheimen Sinn in deinen Blicken
wie in prophetisch dunkler Bibelstelle.

Sie scheinen die unüberschrittne Schwelle
Des Körperlichen leise zu verrücken,
In ein verhülltes Jenseits sich zu brücken
Zu aller Liebe ungekannter Quelle.

Doch kann ich Offenbarung nicht gewinnen;
Es wird, gemischt aus Lust halb und aus Grauen,
Der Zauber mächtiger als das Besinnen.

Und wie ich deine Blicke in mich sauge,
Fühl' ich in diesem weltvergessnen Schauen
Mein ganzes wesen werden lauter Auge.

Doch mit den alten Versatzstücken fügen sich vermehrt auch originellere Bilder ein, und während das Einleitungssonett noch an personifizierte Renaissance-Götter denken ließ, weicht dies Bild nun einem neueren Gottverständnis, als einem 'der da webt in allen Dingen', und selbst durchdrungen von Göttlichem ist den Liebenden 'In den Höhen' nichts mehr unmöglich:


Zitat:Der Adept

Es kann nur, wer durch Feuer ist gedrungen,
Die Göttin wecken, die im Schlafe ruht;
Was sie bewahrt in unnahbarer Hut,
Hat leidenlos kein Sterblicher errungen.

Dem dunklen Grund, dem alles Licht entsprungen,
Entlodert auch die Flamme, die verheert,
Erwählten leuchtend, daß sie unversehrt
Durchschreiten Fegefeuer-Läuterungen.

Das Schicksal leitet uns wie Neophyten,
Wir folgen ihm, wir wissen nicht, wohin.
So hast auch du in trüber Zeit gelitten

Und sahst kein Ziel auf dornenvollen Wegen -
Blick auf! Es ist ein ewiger Gewinn,
Dem du durch Leiden wandeltest entgegen.

und folgerichtig postuliert sie ihr Glaubensbekenntnis:

Zitat:Was ist, das ist für alle Zeit errichtet
...
Des Todes Schrecken hat ein Wahn erdichtet
...
Zum Tode sinkt nur dein Bewußtsein nieder,
Mit ihm die Lust und Qual, die es erlitt:
Dein Wesen kehrt in neuer Jugend wieder,

Um strebend immerdar voranzuschreiten.
...

Daß der Erwählte (er bleibt übrigens namenlos) etwas bodenständiger ist wird zum ersten Mal, hier noch hoffnungsvoll euphemisiert, in der Auslegung angedeutet:

Zitat:Und fragst du, wo er sei, der Ungenannte -
Wo wär' er nicht? In Farbe, Form und Schall
Ist er, in dir, in mir, ist überall,
Wohin er sich als Lebensregung bannte.

Wenn du erkennen willst das Unerkannte,
Nicht bleibe außen stehn, verstandeskühl;
Allwissen gibt dir nur das Allgefühl,
Das liebend Erd und Himmel ganz umspannte.

"Ach niemals wird mir also Gott begegnen,
Fehlt mir, ihn wahrzunehmen, das Organ",
Sprichst du darauf; "und doch will ich ihn segnen,

Und will lobpreisend dankbar zu ihm beten;
Da er sich selber mir nicht geben kann,
Gab er mir dich als lockenden Propheten."

Doch nahtlos geht es in 'Niedergleiten' über. Scheint die Kapitelüberschrift noch unpassend an ihrer Stelle, findet sich der Leser bald im zermürbenden Alltag wieder, und wie im richtigen Leben ist nicht klar wie es soweit kommen konnte, wo der Umschwung stattgefunden hat.

Nach Liebesfeier und -Leiden folgt mit 'Wandlung und Ende' die Phase der Refektion, mit alten, aber sehr wahren Erkenntnissen:

Zitat:II.

Wie einen Vorwurf fühl' ich deine Klage,
Daß freudenlos und karg das Leben sei,
Das du vollbringst, ein traurig Einerlei
Von dumpfer Ruhe und erneuter Plage.

Und wieder stell ich mir die bange Frage,
Was ich mit meiner Liebe geben kann;
Und Leid und Lust, die ich dir angetan,
Leg ich noch einmal prüfend auf die Wage.

Doch wägend bin ich Ärmste schon betrogen;
Das Leid ist schwer, das Glück ist federleicht:
Wie wird da nach Gerechtigkeit gewogen?

Nicht wäge denn, was kostbar ist und selten,
Den Augenblick des Glücks, der Perlen gleicht -
Die herrlichsten, mein Freund, sind die gezählten.

Das Buch endet nicht mit einem Wiedersehen, weder hier, noch in einem erhofften anderen Leben, da ist sie dann doch keine Petra; das Ende ist wirklich ein Ende, und doch geht etwas Tröstliches aus von dem Bewußtsein wirklich geliebt zu haben, oder wie Mayreder es ausdrückt:

Zitat:Eh noch die holde Wärme ganz verglühte,
Ja, laß uns scheiden! Frei, aus eigner Wahl!
Nicht soll, verschüttet durch gemeine Qual,
Das Glück ersticken, das aus ihr erblühte.

So bleibst du mir in unverlorner Güte,
Es bleibt der Bund besiegelt, wie er war,
Geschenk des Schicksals, von mir untrennbar,
Das ich als Kleinod meiner Seele hüte.

Mein Freund, du hast in der Verblendung Tagen,
Da mich bedrohte tiefstes Menschenleid,
Gefahr und Not getreu mit mir getragen,

Den Blick in Lebensweiten mir entschleiert;
Und was ich je erleben mag, geweiht
Durch Stunden ist's, die ich mit dir gefeiert.


Rosa Mayreder
Zwischen Himmel und Erde
1908 bei Diederichs in Jena

erhältlich im gut sortierten Antiquariat ;)

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
12.06.2007 13:09
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