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Sándor Reményik: Archimedes
Fallada Offline
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Beiträge: 13
Registriert seit: Dec 2007
Beitrag #1
Ungarn Sándor Reményik: Archimedes
Reményik Sándor
ungarischer Dichter
Siebenbürgen - heute Rumänien

Archimedes

Denn unser ganzes Leben ist nur ein trauriges Spiel...
Rauch vom Altar, welcher sich ins Nichts verirrt.
Aber hundertmal glücklicher ist die spielende Seele,
sanft schaukelt sie auf den Wogen ihres traurigen Feensees...
Ihr Spiel ist ihr wertvoller als das Leben.
Der träumenden Seele ist der Weg nicht dornenvoll.
Ins brennende Haus rennt sie zurück,
um ein farbloses altes Pergament zu retten,
nur aus Gewohnheit - einfach so - aus Zeitvertreib -
mit Gleichmut wischt sie sich das Blut vom Gesicht,
nichts ahnend von einer Wunde,
weil sie in Gedanken versunken nachdachte.
Der Tod, der ihr entgegenkommt, ängstigt sie nicht...
Sie blickt weder nach vorn noch nach hinten...

Selbst wenn schon sichtbar die geschliffenen Dolche
des Feindes im Mörderlicht gefährlich blitzen -
spricht sie kühl: "Verletze meine Kreise nicht!"


Übersetzung und copyright - Fallada
27.12.2007 05:41
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #2
RE: ARCHIMEDES
Grüß dich Fallada,

Dies ist zwar kein Sonett, aber dennoch ein interessanter Text. Kannst du mehr über den Autor verraten, vielleicht sogar zu der Entstehungsgeschichte des Gedichtes? Ungarn ist zwar nicht so sehr weit weg, aber die Sprache für einen normalen Deutschen doch recht exotisch. Bist du selbst Ungarin? oder hast du einen besonderen Bezug zum Land?

LG ZaunköniG

P.S.: Kennst du mich aus einem anderen Forum? Dein Nick kommt mir bekannt vor.

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
27.12.2007 12:31
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Fallada Offline
Hobby-Autor
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Beiträge: 13
Registriert seit: Dec 2007
Beitrag #3
RE: ARCHIMEDES
ZaunköniG schrieb:Grüß dich Fallada,

Dies ist zwar kein Sonett, aber dennoch ein interessanter Text. Kannst du mehr über den Autor verraten, vielleicht sogar zu der Entstehungsgeschichte des Gedichtes? Ungarn ist zwar nicht so sehr weit weg, aber die Sprache für einen normalen Deutschen doch recht exotisch. Bist du selbst Ungarin? oder hast du einen besonderen Bezug zum Land?

LG ZaunköniG

P.S.: Kennst du mich aus einem anderen Forum? Dein Nick kommt mir bekannt vor.

Lieber Zaunkönig,

ich bin seit kurzem Mitglied im Philosophie Forum (Philo-Welt) und dort als Fallada registriert --- sonst wüsste ich nicht woher??? Aber es gibt ja sicher noch andere, die denselben Nicknamen haben...
Meine erste Frage hast du schon beantwortet... das Gedicht ist also, wie ich vermutet hatte, kein Sonett.

Ja, ich bin Ungarin.
Der Autor ist mein Lieblingsdichter und neben Albert Wass ("Die Hexe von Funtinele"--- auch mein Lieblingsdichter) der wichtigste Vertreter Siebenbürgens.

Nur wenige wissen, dass die linke Hälfte Rumäniens bis vor den Weltkriegen Ungarn war. Siebenbürgen ist das deutsche Wort für Erdély, was soviel bedeutet wie "alles von Wald bedeckt" und diese Bezeichnung schließt auch einen großen Teil der Karpaten mit ein. Es war noch vor gar nicht so langer Zeit das Herz Ungarns... Ceausescu hat dann ordentlich dafür gesorgt, dass das heute niemand mehr weiss... Der Dichter lebte um die Jahrhundertwende und erlebte den Beginn des Verfalls bereits mit. Diese Trauer um "das versunkene Atlantis" wie er es nennt, schwingt in seinen Gedichten mit. Er war tief religiös, aber nicht auf die herkömmliche Art --- mehr wie ein Einsiedler im Einklang mit sich selbst und der Natur.

Fallada
27.12.2007 13:41
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #4
RE: ARCHIMEDES
Hallo Fallada,


Ich habe inzwischen das mutmaßliche Original entdeckt.
http://mek.oszk.hu/01000/01052/html/vers...archimedes
In Ermangelung eigener Spachkenntnisse kann ich zwar keine Metrik bestimmen aber es ist wohl ein gereimtes Gedicht. Sollten wir versuchen, deine Übertragung auch in der Form anzugleichen?

LG ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
27.12.2007 21:16
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Fallada Offline
Hobby-Autor
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Registriert seit: Dec 2007
Beitrag #5
RE: ARCHIMEDES
Oh ja!!! Aber wie??? Hab doch keine Ahnung was Du meinst...

Fallada
27.12.2007 22:18
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #6
RE: ARCHIMEDES
Was ich mit Metrik meine?

Nun, im Deutschen und in vielen anderen Sprachen sind die Silben eines Wortes unterschiedlich stark betont. Bei fast allen mehrsilbigen Worten ist auch genau festgelegt welche Silbe stärker betont ist. Wie einsilbige Worte betont werden hängt dann von ihrem Umfeld ab. In deinen ersten beiden Zeilen

Denn unser ganzes Leben ist nur ein trauriges Spiel...
Rauch vom Altar, welcher sich ins Nichts verirrt.

gilt:

unser ganzes Leben trauriges*
Altar welcher* verirrt

* Bei "trauriges" ist die dritte Silbe ambivalent. Je nachdem wie der Satz weiterläuft kann man die Betonung wieder anheben oder unten lassen.
"welcher" ist kein sehr starkes Wort, es kann mit einer betonten Silbe beginnen oder man spricht beide Silben nur schwach.

Meine Lesart wäre also folgende:

Denn unser ganzes Leben ist nur ein trauriges Spiel...
Rauch vom Altar, welcher sich ins Nichts verirrt.

Man kann den Text sicher auch ganz anders betonen. Als Dichter versucht man aber die Sprachmelodie mitzuliefern und einen möglichst einheitlichen oder klaren Rythmus vorzugeben, das Metrum eben.

Jetzt verstehe ich aber gar nichts von der ungarischen Sprache, habe auch ihren Klang nicht im Ohr. Da müßtest du also selbst herausfinden wie die Betonungen im Original laufen. Oder ist im Ungarischen alles mehr oder minder gleich stark betont? Im Griechischen z. B. wird eher zwischen langen und kurzen Silben unterschieden. Die Italiener achten vor allem auf regelmäßige Verslängen. Hat im Original jede Zeile die gleiche Silbenzahl?

Tja, Fragen über Fragen...
aber die sollten doch Lösbar sein.

LG ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
28.12.2007 12:52
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ZaunköniG Offline
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Beitrag #7
RE: Reményik Sándor: ARCHIMEDES
Hallo nochmal,

Kennst du die Philosophie von Archimedes? Kann es sein, daß auch das ungarische Gedicht bereits eine Übersetzung / Nachdichtung ist? Oder wie erklärst du dir den Titel?

Ich habe derweil mal versucht eine gereimte Version hinzubekommen:

Archimedes

Dies öde Leben ist nur vorgegaukelt...
Rauch vom Altar, der sich ins Nichts verliert,
doch glücklich die verspielte Seele flirrt,
die auf den Wogen ihres Feensees schaukelt.

Ihr Spiel ist mehr als dieses Leben wert:
Die Seele spürt des Weges Dornen nicht;
Ins Feuer kehrt sie wieder, loh und licht,
weil sie ein blasses Pergament begehrt.

Nur aus Gewohnheit, keinem Zweck gebunden,
wischt sie ihr eignes Blut sich vom Gesicht,
wird keine ihr bewußt von ihren Wunden,

weil sie gebannt in die Gedanken flieht.
Vom Tod persönlich fürchtet sie kein Leide,
da sie nach vorn nicht, nicht nach hinten sieht.

Und blitzt im Dunkeln die geschliffne Schneide,
selbst wenn der Mörder schon das Messer zieht,
mahnt sie nur, daß er ihre Kreise meide!

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
29.12.2007 13:23
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Fallada Offline
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Beiträge: 13
Registriert seit: Dec 2007
Beitrag #8
RE: ARCHIMEDES
ZaunköniG schrieb:Jetzt verstehe ich aber gar nichts von der ungarischen Sprache, habe auch ihren Klang nicht im Ohr. Da müßtest du also selbst herausfinden wie die Betonungen im Original laufen. Oder ist im Ungarischen alles mehr oder minder gleich stark betont? Im Griechischen z. B. wird eher zwischen langen und kurzen Silben unterschieden. Die Italiener achten vor allem auf regelmäßige Verslängen. Hat im Original jede Zeile die gleiche Silbenzahl?

Tja, Fragen über Fragen...
aber die sollten doch Lösbar sein.

LG ZaunköniG

Hallo Zaunkönig Tongue

Also ich versuch's mal...

ARCHIMEDES

Hisz minden dolgunk bús ték csupán,
Ol-ri füst, mely semmi-ségbe ved,
De ját-szó lelke bús tündértaván
Elringatózva százszor boldog az,
Kinek -ka drá-gább, mint az élet.
Kinek álmodva, - nem rögös az út,
Az é- házba aki visszafut
Egy színehagyott vén pergamenért
Csak megszokás-ból, - úgy - szórakozottan, -
Ki le-törli zömbösen a vért
Ar--ról, - nem sejtve, hogy sebet kapott,
Mert eldött, - elgondolkodott.
A halált aki észre sem veszi -
Kinek nincs érkese félni le...
Aki nem néz sem hátra, sem elöre...

Aki, ha villan már a gyilkos fény
Az ellenség fent él-ü rein -
Szól vösen: "Ne bántsd a reim!"

Ach je...:( ich habe bestimmt tausend Fehler gemacht... Tja, und das wäre wohl auch noch nicht alles, denn alle mit Akzent geschriebenen Buchstaben werden lang ausgesprochen - also ebenfalls betont. Leider kann man das hier wohl nicht so gut nachvollziehen, weil ich keine Akzente für lange ö's und ü's auf der Tastatur finden konnte... Vielleicht ist es leichter verständlich, wenn ich es nochmal versuche rhytmisch darzustellen... ich versuch's mal mit da -- daa -- di --- dii... Wink Big Grin

ARCHIMEDES

di daadi daadi daa daadi didaa,
daadaadi di, di daadidi daadi,
di daadaa daadi daa daadaadidaa
daadididaadi, daadi daadi di
daadi daadidi, - daa didi di daa... usw...

... komisch, klingt mir nicht so nach strikter Regelmäßigkeit...
Man könnte diese Sprache auch als eine Art Singsang am Besten beschreiben...
Als die Ungarn noch Nomaden waren, gaben sie jedenfalls ihre Mythen, Legenden und Märchen in Liedern weiter --- dieses "Singen" nennt man im ungarischen "regélni" was ungefähr soviel bedeutet wie "mythensingen"?
Es fällt mir nicht gerade leicht, die richtigen Worte zu finden, weil ich mich nie so genau mit dieser Thematik beschäftigt habe...:(

Kannst Du was mit all dem anfangen???

Fallada
29.12.2007 13:33
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Fallada Offline
Hobby-Autor
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Beitrag #9
RE: Reményik Sándor: ARCHIMEDES
ZaunköniG schrieb:Hallo nochmal,Kennst du die Philosophie von Archimedes?

Oh... ich glaube unsere Beiträge haben sich überschnitten... lass mich mal nachdenken, ich brauche ein bisschen Zeit...

Fallada
29.12.2007 13:35
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ZaunköniG Offline
Maître du Sonnet
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Beitrag #10
RE: Reményik Sándor: ARCHIMEDES
Zitat:Kannst Du was mit all dem anfangen???

Nun immerhin gibt es die Gegensätze betont/unbetont und kurz/lang.
Es scheint mir aber nach beiden Kriterien recht unregelmäßig.
Meine Version wäre ein Fünfhebiger Jambus, wobei 'Feensees' ist ja metrisch ein unmögliches Wort, weil man sowohl bei 'Feen' als auch bei 'Sees' die E's zusammen oder getrennt aussprechen kann. Wenn die Feen nicht allzu wichtig sind würde ich da gerne ein anderes Wort nehmen, daß eindeutig nur zweisilbig ist. 'Weiher' zum Beispiel.

Gibt es in der ungarischen Dichtung eine bevorzugte Versart?
Im Deutschen wäre es der fünfhebige Jambus: xXxXxXxXxX(x)
Im Französischen der Alexandriner: xXxXxXxxXxXxXx

wobei ein kleines x für eine unbetonte Silbe steht, ein großes X für eine betonte.

LG ZaunköniG

Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 29.12.2007 13:54 von ZaunköniG.)
29.12.2007 13:46
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Fallada Offline
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Beiträge: 13
Registriert seit: Dec 2007
Beitrag #11
RE: Reményik Sándor: ARCHIMEDES
ZaunköniG schrieb:Hallo nochmal,

Kennst du die Philosophie von Archimedes? Kann es sein, daß auch das ungarische Gedicht bereits eine Übersetzung / Nachdichtung ist? Oder wie erklärst du dir den Titel?

Grüß Dich Zaunkönig,

es ist weder eine Übersetzung noch eine Nachdichtung. Er hatte sich wohl mit dem Schicksal des Mathematikers Archimedes beschäftigt, wie er sich auch für andere Größen wie Beethoven und zeitgenössischen Dichtern interessierte und ihnen sehr schöne Gedichte widmete. Seine Interessen waren weitreichend, dazu gehörte auch die Alchimie... Eine große Anzahl von wunderbaren Gedichten widmete er der Bibel und er war ein großer Bewunderer des Übersetzers Károli Gáspár, der die Bibel ins Ungarische übersetzt hatte... diesem widmete er auch voller Verehrung für dessen Werk ein Gedicht.

So entstand auch sein Gedicht Archimedes. Über ihn habe ich folgendes im Internet gefunden:

"Über seinen Tod gibt es folgende Anekdote: Als die Römer Syrakus endlich einnahmen, war Archimedes wieder einmal tief in geometrische Betrachtungen versunken. Zu diesem Zweck hatte er wie üblich geometrische Konstruktionen in den Sand vor seinem Haus gemalt. Als nun ein römischer Soldat vorbeikam, der ihn vielleicht gefangennehmen wollte, herrschte ihn Archimedes nur an: "Störe meine Kreise nicht!" Dies brachte den Soldaten so in Zorn, dass er den alten Mann erschlug. Eine andere Version besagt, dass Archimedes goldene Geräte (vielleicht ein Planetarium) zum siegreichen römischen Feldherrn Marcellus bringen wollte und unterwegs von einem plündernden Soldaten getötet wurde."

Fallada
29.12.2007 15:33
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